Wer heute die Wirkungsgeschichte von Büchern studiert, wird immer mehr Medienforschung treiben müssen. Die Verfilmung eines Buches ist ein Höhepunkt seiner Laufbahn. Ein erfolgloses Buch wird nicht verfilmt werden, und ein verfilmtes Buch wird sich noch besser verkaufen. Besonders günstige Bedingungen liegen vor, wenn beim Erscheinen eines Titels gleich auf die geplante Verfilmung hingewiesen werden kann. Unter dieser Voraussetzung mußten die beiden Teile der Autobiographie (ein dritter ist im Entstehen) von Janina David: "Ein Stück Himmel" und

Janina David: "Ein Stück Erde – Das Ende einer Kindheit", aus dem Englischen von Hannelore Neves; Hanser Verlag, München, 1982; 295 S., 29,80 DM

ein Erfolg werden. Wenige Wochen nach Erscheinen des zweiten Teils in deutscher Sprache begann die Fernsehserie "Ein Stück Himmel" im 1. Programm. Über zwei Monate hinweg konnte sich der Fernsehzuschauer einmal wöchentlich mit dem Schicksal des polnischen Mädchens befassen. Bilder und Szenen im wechselnden Rahmen: das bürgerliche Leben der jüdischen Familie im Vorkriegspolen, das Warschauer Getto, die Kriegsszene in der zerstörten Stadt, das Leben auf der Flucht, das Überleben in Verstecken, die ständige Todesnähe über Jahre hinweg: Mädchenjahre zwischen zehn und fünfzehn.

Die Bücher von Janina David entstanden Mitte der sechziger Jahre, das Drehbuch zehn Jahre später. Zu der Fernsehserie wäre es sicher nicht gekommen, wenn die Autorin mit ihrem Schicksalsbericht nicht die Herzen vieler Menschen erreicht hätte. Die beiden Bücher fanden auch in Deutschland viele Leser. Der erste Teil endet mit Janinas Flucht aus dem Getto, der zweite zeigt das Überleben in verschiedenen Klöstern, ihren Übertritt zum katholischen Glauben, das Ende des Krieges und das langsame Begreifen der Wahrheit: Die Eltern kehren nicht mehr zurück.

Die jetzt, mit der Ausstrahlung des Filmes durch die ARD noch hinzukommen, teilnehmen an diesem Leben, sind in erster Linie keine Leser, sondern Zuschauer. Sicher werden sich viele davon die Bücher nachträglich kaufen, aber das TV-Bild wird ihre Vorstellung beherrschen. Die menschliche Vorstellungskraft ist zwar flexibel, aber ihre Leistungsfähigkeit ist nicht unbeschränkt. Sie wird nicht imstande sein, eigene Bilder von Gelesenem zu entwickeln, wenn sie erst einmal von einem so starken visuellen Erlebnis vorgeprägt ist, wie es ein Fernsehfilm bedeutet. Umgekehrt wird es keinem Leser gelingen, das beim Lesen gewonnene eigene Vorstellungsbild gegenüber dem vorgefertigten auf dem Bildschirm zu behaupten. Es ist für immer verloren.

Warum diese Überlegungen? In der letzten Zeit häufen sich die Kindheitserinnerungen der jüngsten Generation aus dem Zweiten Weltkrieg. Diese Berichte und Erzählungen, mit denen die damals Zehn- bis Sechzehnjährigen heute ihrer Vergangenheit Herr zu werden versuchen, sind eines der wichtigsten Mittel zur Bewußtseinsbildung der jetzt Zehn- bis Sechzehnjährigen. In Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen über eine Kindheit und Jugend wie die der Janina David ist immer wieder zu hören: Wir können uns das nicht vorstellen. Darum gerade geht es aber: dem heutigen jungen Menschen diese Zeit, die zu begreifen ihm nicht möglich ist, da ihm jede Erfahrung dazu fehlt, als Realität vorstellbar zu machen. Hier wird ihm Gelegenheit gegeben, sich mit den leidvollen Voraussetzungen seiner Welt heute auseinanderzusetzen. Bücher wie die von Janina David leisten da Hervorragendes. Auch der Film kann das leisten, allerdings, wie Untersuchungen an fernsehenden Kindern gezeigt haben, ist der Eindruck niemals so nachhaltig wie beim Lesen eines Buches, da es sich immer nur um eine vermittelte Erfahrung handelt.

Vor allem junge Menschen, für die das Fernsehen zur vorherrschenden Quelle von Information und Unterhaltung wird, haben oft Schwierigkeiten, Realität und Fiktion zu trennen. Fiktives erscheint ihnen als tatsächliches Geschehen; aber umgekehrt halten sie auch die Wirklichkeit für erdichtet. Auch das beste Spiel wird das Geschehen nicht in die persönliche Nähe zum Zuschauer rücken, wie die Stimme der Janina David, die im Buch direkt zum Leser spricht.

Christa Melchinger