Das Weiße Haus begrüßt den Bonner Regierungswechsel

Von Michael Naumann

Washington, im Oktober

Ein maßgeblicher Beamter des Weißen Hauses bewirtete gerade deutsche Freunde in derbraungetäfelten, fensterlosen Messe im Keller unter dem Oval Office. Da brachte der philippinische Kellner statt des kalifornischen Hausweins einen Telephonapparat an langer Schnur. Es meldete sich Henry Kissinger: Der Außenminister a. D. habe soeben Franz Josef Strauß in Bayern getroffen – und offensichtlich dringend mitteilenswerte Erkenntnisse gewonnen. Es war die Zeit, Sommer 1981, als sich in Washington und Bonn die Gerüchte mehrten, die amerikanische Regierung gedenke, den offenkundigen Verfall der sozialliberalen Koalition in Bonn zu beschleunigen.

Derartige Gerüchte wurden nie bestätigt, aber das Unbehagen in der Equipe um Reagan über den von der Regierung Schmidt repräsentierten Bundesgenossen Bundesrepublik blieb unter der Oberdecke korrekter Beziehungen doch deutlich. "Helmut Schmidt", sagt jetzt ein außenpolitischer Wesir des Präsidenten, "ist ein ‚Linker‘, der langsam unerträglich wurde. Seine selbstgewählte Rolle als ,Dolmetscher‘ zwischen Amerika und der Sowjetunion hieß für uns vor allem eines: Der Kanzler sah Deutschland nicht mehr in der Rolle des bündnistreuen Alliierten."

Dieser Rapallo-Komplex im Weißen Haus mag politisch so unscharf wie in der Sache ungerecht sein; im State Department und in der Presse glänzt der Ex-Kanzler auch in hellerem Licht. Aber der barsche Nachruf kennzeichnet die ideologische Erleichterung von Reagans Beratern. "Der deutsche Tonfall hoffen sie, "wird sich ändern."

Schmidt hatte die Empfindlichkeiten der Reagan-Equipe nie sonderlich geschont. Die Verdunkelung des internationalen Horizonts tat ein übriges. Die US-Hochzinspolitik, die Polen-Krise, das Pipeline-Fiasko und die unterschiedlichen Entspannungs- Vorstellungen – dies alles addierte sich sehr schnell zu einem Fundus amerikanisch-deutscher Gegensätze. Schmidts herbe Art, amerikanischen Politikern Urteilskraft und Sachverstand unverstellt und selbstbewußt vorzuführen, erhielt ihm die alten Bewunderer, schuf ihm aber keine neuen Freunde. Befragt, wie er das letzte Treffen zwischen Reagan und Schmidt beurteile, antwortete der – seinerzeit noch amtierende – Außenminister Alexander Haig Vertrauten: "Ausgesprochen langweilig. Was kann man erwarten, bei einem Intelligenzgefälle von sechzig Prozent?" Derlei Sentenzen, wie auch das Gerangel um Haig, schlugen ungerechterweise auf Helmut Schmidt zurück, der doch (anders als im Falle Jimmy Carter) seine Kritik am neuen Präsidenten herunterschluckte, so gut es ihm gelang. Vergebens: Warmherzig ist es zwischen Reagan und Schmidt nie geworden, und die Verdachtbereitschaft der Ideologen blieb stets wach. Das – der Ton, nicht unbedingt die Substanz – dürfte sich nun ändern.