Das Motto dieses Romans liest sich bedeutend und parteiisch, klug und ideologisch, mit dem klaren Blick für das Leben: "Die Anwesenheit eines Mannes deutet an, was er tun kann, für oder gegen dich. Im Gegensatz dazu definiert die Anwesenheit einer Frau ... was ihr getan werden kann und was ihr nicht getan werden kann." (John Berger: "Ways of Seeing")

Der Klappentext klingt dagegen wie die Vorankündigung für einen reißerischen Illustriertenroman. Da ist die Rede von einer Journalistin und der Schickeria, einer Brustoperation und der kleinen karibischen Insel, von Aufstand und Ferienliebe, Großstadt und Dritter Welt, von Krankheit, Politik und Sex.

Das Erstaunliche daran ist aber, daß der (dritte ins Deutsche übersetzte) Roman der kanadischen Autorin beide Erwartungen erfüllt –

Margaret Atwood: "Verletzungen", aus dem Englischen von Werner Waldhoff; Claassen Verlag, Düsseldorf, 1982; 295 S., 29,80 DM.

Erzählt wird von Rennie, die, wie es sich für eine richtige Frau gehört, als Kind gelernt hat, "kleine Jungen sagen ‚kann ich‘... Kleine Mädchen sind höflicher. Sie sagen "Darf ich‘"; die nach kurzen Abenteurer-Träumen einsieht, daß Frauen für so etwas nicht taugen, denn "Männer waren Ärzte, Frauen Krankenschwestern; Männer waren Helden, und was waren Frauen? Frauen wickeln Verbandsrollen auf, und mehr war zu diesem Thema nicht zu sagen".

Erzählt wird von einer Frau, die es trotzdem zu Grundsätzen gebracht hat, etwa nie langweilig sein zu wollen, oder nie einen Orgasmus vorzutäuschen, und die, wenn sie diese selbstgestellten Regeln bricht, das auch genau weiß.

Erzählt wird von einer kanadischen Journalistin, die es früher einmal sehr genau nahm mit ihrer Arbeit, die nur Richtiges und Wichtiges, Wahres und Veränderndes schreiben wollte. Inzwischen hat sie sich von diesen ehernen Vorstellungen verabschiedet, sie ist längst über 30 und muß von selbstverdientem Geld leben. "Rennie entschied, daß es ein paar Sachen gab, von denen man besser nicht mehr wußte, als nötig war. Oberflächen waren in vielen Fällen den Tiefen vorzuziehen. Sie schrieb was über das Comeback des Angorapullovers und dann noch etwas über industrielle Strickwaren, die wie handgestrickt wirkten. Das war besänftigend. Viel sprach für Trivialität."