Von Helmut Sonnenfeldt

Die Sommerpause ist zu Ende. Russen und Amerikaner sprechen in Genf wieder über die Begrenzung ihrer strategischen Waffenarsenale. Der persönliche Kontakt zwischen den Delegationen ist gut; die erste Runde der Gespräche verlief konkret und sachlich. Aber der Graben zwischen den Ausgangspositionen der Amerikaner und der Russen bleibt weit und tief.

Die Zielvorstellungen der Vereinigten Staaten in START – die Abkürzung für die Reduzierungs-Gespräche – enthalten zweierlei: Einmal Ronald Reagans alte Forderung nach tiefen Einschnitten (deep cuts) in das Atompotential beider Staaten; zum andern, auf Drängen der US-Fachleute, Maßnahmen, die neben der Zahl der Atomwaffen auch einige der bedenklichen Schwachpunkte im strategischen Kräfteverhältnis der Weltmächte vermindern könnten. Derartige Instabilitäten haben in den jüngsten Jahren zugenommen, vor allem zu Lasten Amerikas. Die Interkontinentalraketen der Amerikaner sind durch qualitative und quantitative Verbesserungen der sowjetischen Waffen gefährdet; ihre Chance, einen sowjetischen Angriff zu überleben, ist empfindlich geschwächt worden. Zudem haben Fortschritte in der sowjetischen Luftabwehr die Schlagkraft der alternden amerikanischen Bomber-Flotte unterminiert.

Abhilfe dagegen wird nicht nur durch Rüstungskontrolle gesucht, sondern auch durch neue Rüstungsprogramme. Die Interkontinentalraketen werden modernisiert, der neue B-l-Bomber soll die sowjetische Flugabwehr besser durchdringen, verschiedene Marschflugkörpertypen sollen eingeführt und das Führungs- und Fernmeldewesen erheblich verstärkt werden. Neue Raketen-Unterseeboote sind vorgesehen, zu einem späteren Zeitpunkt auch neue seegestützte Raketen mit großer Reichweite.

Die amerikanischen Verhandlungsvorschläge der USA in Genf sind vor diesem Hintergrund zu sehen. Nach dem START-Plan Washingtons würde die Zahl der strategischen Trägerwaffen und Sprengköpfe beider Seiten auf ein weit niedrigeres, für beide Seiten gleiches Niveau reduziert werden, was den Sowjets vor allem bei landgestützten Raketen Kürzungen auferlegen würde, den Amerikaner in erster Linie bei den seegestützten Waffen. In einer späteren Verhandlungsphase sollen dann auch andere Waffensysteme und zugleich das "Wurfgewicht" – die Sprengkraft – der Arsenale auf eine gleiche und niedrigere Höhe reduziert werden.

Diese Position war auch in Washington nicht unumstritten. Nicht nur im Pentagon gab es viele, die der Verminderung des Wurfgewichts strategischer Waffen den Vorzug vor dem Abbau von Trägerwaffen und Sprengköpfen geben wollten. Denn gerade der massive sowjetische Vorteil in dieser Kategorie hat das strategische Kräfteverhältnis so gefährlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Aber der Präsident entschied sich dagegen. Vor allem aus praktischen Gründen: Eine Vereinbarung zur Begrenzung einer so vagen Größe wie die der strategischen Zerstörungswirkung ist ungleich schwerer auszuhandeln als selbst drastische Kürzungen in Waffensystemen, die nun in Genf auf dem Tisch liegen.

Dennoch hat die sowjetische Seite sich entschieden gegen die amerikanischen Vorschläge gewandt. Sie würden, so das sowjetische Argument, von der Sowjetunion unverhältnismäßig große Einschränkungen verlangen, also einseitig zu ihren Ungunsten ausfallen. Aber jede größere Reduzierung der Arsenale hin zu einem niedrigeren Gleichstand bedeutet nun einmal, daß die Sowjets mehr von ihrem landgestützten Arsenal aufgeben müssen als die Amerikaner. Umgekehrt würden die Vereinigten Staaten bei den See-Raketen Opfer bringen.