Die Schrecken der Kulturrevolution wirken noch immer nach

Von Fritz Stern

Noch immer ist in China eine Art kollektiver Erleichterung zu spüren, daß die Große Proletarische Kulturrevolution endgültig vorüber ist. Jene Revolution war jedem, den ich traf, ins Gedächtnis gegraben – wie ein schlimmer Alptraum, als erlittenes (in manchen Fällen verübtes?) Leid, als ein nationales Trauma von unfaßbarem Ausmaß. Wie oft hörte ich immer wieder die gleiche Geschichte: gewaltsame Verschickung aufs Land, unabhängig von Alter und Gesundheitszustand; primitive Unterbringung; totale Trennung von der Famile. Während die höheren Funktionäre Felder pflügten und Steine klopften, verwüsteten die Roten Garden (die SA unter einem anderen Namen und wohl mit größerem Spielraum für spontane Brutalität als Hitlers SA-Leute, die Mörder auf Kommando waren) die kulturellen Stätten des Landes: Bibliotheken, Tempel, Laboratorien. Einige meiner Gastgeber zeigten mir noch die Ruinen; andere erzählten von regelrechten Gefechten an den Universitäten. Fast jeder Chinese hatte seine persönliche Leidensgeschichte zu erzählen.

Durch ihre Unmittelbarkeit wirkten diese Geschichten in meine Vorlesungen über europäische Geschichte hinein: Die Erfahrungen der Chinesen, die in ihren Köpfen so lebendig waren, entsprachen früherem europäischen Leid. In einer Orgie der Gleichmacherei wurde die Elite des Landes verfolgt und gejagt – oft in den Tod.

Eine junge Witwe berichtete mir von ihrem Mann, einem hervorragenden Arzt, der in der Klinik, die er leitete, sterben mußte, weil man ihm die richtige Behandlung bewußt verweigerte; ihrem Vater erging es ähnlich. Einige gestanden ein, daß sie die Logik der Verfolgung akzeptiert hatten. Ein aus der Oberschicht stammender Historiker erzählte mir, er habe in der Verbannung gemeint, er müsse für die Sünde büßen, einst privilegiert gewesen zu sein. Vielleicht hält diese Art ideologischer Verinnerlichung sogar noch immer an; er erzählte mir jedenfalls, er sei stolz darauf, daß seine Kinder endlich’ dem Intellektualismus abgeschworen hätten und Arbeiter der Faust geworden seien. Auf der anderen Seite hatte er ein Telephon – ein Zeichen neuerlicher Privilegierung und neuen Reichtums, denn es kostete ihn annähernd das Zehnfache seiner Miete.

Akademikerkollegen beklagten den dauerhaften Schaden, den die Institutionen genommen haben. Während der Kulturrevolution wurden die Universitäten von akademischen Analphabeten überschwemmt, deren einzige Qualifikation ihr politischer Fanatismus war. Die Folge: Das Verhältnis von Lehrern und Studenten an der Peking-Universität ist heute 1:2. Die damals ernannten Analphabeten blieben an den Universitäten, zum Entsetzen einiger zurückgekehrter Gelehrten. (Im Westen hatten wir eine milde und selbstverschuldete Version der Kulturrevolution, als ähnliche Wogen des Aufbegehrens und falsch verstandener Gleichmacherei an die Hochschulen brandeten und junge, progressiv ausgewiesene Assistenten ohne Rücksicht auf ihre akademische Qualifikation auf Professuren berufen wurden. Zu jener Zeit hatten die Universitäten ihre Mandarine und ihre Maoisten. Der Kampf zwischen ihnen lähmte auch unsere Universitäten.)

Meine chinesischen Gesprächspartner sprachen offen über die Kulturrevolution. Warum? Um den jetzt eingestandenen Schrecken zu bannen? Um die gegenwärtige Lockerung zu begrüßen, die ungewisse Atmosphäre eines chinesischen Thermidor oder einer chinesischen Neuen Ökonomischen Politik? Manchmal hatten ihre Formulierungen etwas Gleichförmiges, fast als seien sie vorgeschrieben: War dies eine totalitäre Zurückweisung des Totalitarismus? Doch meinte ich eine aufrichtige Erleichterung zu spüren, daß Wahnsinn und Gewalt vor ungefähr einem Jahrzehnt aufgehört hatten und daß man jetzt offen über die Schrecken der Vergangenheit sprechen konnte – mit einer Leidenschaft, die vielleicht genausoviel mit der häufigen Beschwörung zu tun hatte, daß es nicht noch einmal dazu kommen könne, wie mit der Vergangenheit selbst.