Während blaue Kälte meinen Schädel in Stücke sägt, wird tief drinnen im Leib ein Baby an Stahlwände geschmettert. Ich höre die Knochen bersten. Im Wortland sterben die Schmetterlinge." Roman nennt sich das Buch. Roman? Es ist ein Schrei, dieser erste Roman von –

Mariella Mehr: "Steinzeit", Zytglogge Verlag, Gümlingen, 1982; 184 S.; 22,– DM.

Das Buch berichtet die Schreckensgeschichte einer qualvollen Kindheit – der eigenen. Berichtet? Nein, berichten kann man davon nicht. Dazu sind die Wunden noch zu brennend. Man kann es nur herauswürgen, in Bildfetzen peinigender Erinnerungen: uneheliches Kind einer schizophrenen Zigeunerin und eines Säufers, Sturzgeburt, Mordversuche der Mutter, Odyssee von Heim zu Heim, Erziehungsanstalt, Psychiatrie, Frauengefängnis ("für das Verbrechen, Liebe gewollt zu haben"); Elektroschock und Insulin-Koma, Mißhandlung, Demütigung, Vergewaltigungen und immer wieder Todesangst. Und keine Spur von Wärme, von Verständnis, von Liebe. Ein Leidensweg ohne Ende, ohne Hoffnung, also ohne Perspektive: Die Zeitebenen gehen durcheinander. Erzählt in einer kantig knappen, hartgeschliffenen Sprache, der man den Kampf mit dem Schrecken, mit dem Schmerz und der Wut noch anmerkt. Auch das Festhalten an der dritten Person (Silvia, Silvio, Silvana – eine splitternde Identität; nur selten wagt sich ein "ich" hervor) hat etwas Bannendes: ein Schutz, eine rettende Distanz.

Vom Beginn einer Therapie – Primärtherapie offenbar – ist auf den ersten Seiten die Rede. In "Brunos Bauch", dem schalldichten Raum des Therapeuten, holt die Erzählerin die Geschichte ihrer Verletzungen ans Licht. Ein hartes Stück Arbeit gegen Widerstände, denn "fühlen heißt sterben". Eine Szene in einer Kneipe, endend in einem ekstatischen Tanz der Wut, spricht von der Abwehr gegen das Erinnernmüssen: "Geschehen ist nichts damals, ich will nichts wissen, hörst du, ich will keine Erinnerung." Aber die Erinnerungen kommen – eine Katharsis durch wiedererlebten Schmerz. Vom Fortgang der Therapie, einem klärenden Abschluß ist nicht die Rede. Doch zwischen den Zeilen ist überall zu spüren, welche Lebenskraft, welche Intelligenz und Sensibilität dazu gehörte, in einer solchen Kette von vernichtenden Katastrophen nicht nur am Leben, sondern lebendig zu bleiben.

Das ist kein Stoff, aus dem man "Kunst" macht. Mariella Mehr arbeitet als Publizistin, nimmt sich in Reportagen der Außenseiter und Unterprivilegierten an: Zigeuner, Frauen, Kinder – Schicksale, die sie aus eigenem Erleben kennt. Sie engagiert sich, wenn sie schreibt, und sie schreibt nur, wo sie engagiert ist. Ihr Buch ist "allen ungeliebten Babys gewidmet, allen Anstaltszöglingen, allen von unserer Gesellschaft ver-rückt gemacht wordenen, allen stumm-gewordenen und all jenen, die wissen, daß nur Liebe unsere Zukunft rettet". Hans Krieger