Ein Spätling noch am Stocke glänzt/Und ganz allein die Blumenwelt ergänzt" – als ein solcher Spätling unter den Büchern zum Goethe-Jahr, mit sechsmonatiger Verzögerung um so gespannter erwartet, ist jetzt der Beitrag der zwei Oberspaßmacher der Nation zum Jubeljahr erschienen –

"Unser Goethe", ein Lesebuch, herausgegeben von Eckhard Henscheid und F. W. Bernstein; Diogenes Verlag, Zürich, 1982; 1160 S., Abb., 49,– DM.

Ein Lesebuch ist das schon geworden, gewiß kein langweiliges, aber doch eines, das einen mit fortschreitender Lektüre zunehmend mißmutig macht. Denn die beiden Spezialisten des "sophisticated nonsense" haben eine Anthologie zusammengestellt, die vieles bringt, damit alle etwas haben, die aber am Ende nur alles Mögliche bringt.

Heroenverehrung ist natürlich die Sache von Henscheid und Bernstein nicht, also idealisieren sie Goethe nicht; Germanistik ist ihre Sache auch nicht – in Ordnung, daher braucht ihre Sammlung ja auch nicht mit trockener Ernsthaftigkeit gemessen und gewogen zu werden; man kann ihnen sogar abnehmen, daß sie noch nicht mal plumpe Vertraulichkeit mit dem Alten mimen wollten, da sie ihn dafür denn doch wieder zu sehr schätzen und solche Schätzung auch dem Publikum nahelegen wollen. Also nahmen sie sich "Witz und Pläsier" als Motto, "Gaudi mit und um Goethe" zum Prinzip, und als kleines Antidot gaben sie dann noch Ernsthaftes und Originales von Goethe bis Walter Benjamin und Theodor W. Adorno dazu. Das Resultat ist ein mixtum compositum mit Schlagseite.

Die Schlagseite besteht darin, daß Henscheid und Bernstein das gehobene Blödeln nicht lassen können. Nicht nur haben sie sich selbst in dem Band auf das reichhaltigste vertreten sein lassen, sondern sie haben auch mit Genuß unendliche Mengen all des pathetischen, peinlichen, albernen Zeugs gesammelt, das in den letzten 200 Jahren um und an Goethes Werk sich gesammelt hat. Und unter all den Hieben auf Professoren und Staatsmänner, Goethe-Vertoner und Goethe-Parodisten, die die Herausgeber verteilen, indem sie deren Aussprüche dokumentieren, nehmen sich dann ganz verloren die paar Goethe-Stellen aus, die sie auch zitieren. In ihrer – auch schon von zwanghaft witzelnden Einlagen durchsetzten – Einleitung machen sie Goethe zwar eine Liebeserklärung, die man ihnen glauben kann (oder doch möchte), aber dann ist ihnen auf vielen hundert Seiten kein flauer Witz, der sich an den Namen Goethe knüpfte, zu albern, als daß sie ihn nicht zitierten; kein professoraler Ausrutscher, keine Pardon-Bildchen-Serie, keine irgendwie auftreibbare dumme Bemerkung zu Goethe wird ausgespart, und schließlich wird es einem einfach zu viel.

Es ist eine Frage der Dosierung: Jede einzelne Stelle, jedes Bildchen, jeder Beleg wäre in einem solchen Goethe-Reader irgendwo denkbar, aber die Masse erschlägt den Leser. Sicher kann man seine Liebe zu einem Dichter aus Scham auch mal hinter Witzeleien verstecken, und Goethe ist nicht sakrosankt, soll es auch nie mehr so werden wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Aber ich sehe nicht ein, warum nun umgekehrt um jeden Preis jedes ernste Wort, jede ernste Zeile konterkariert werden muß durch eine gezeichnete Vignette à la Pardon oder Titanic, warum nach dem Abdruck von "Warum gabst du uns die tiefen Blicke" unbedingt ein Strichmännchen unten auf der Seite stehen muß, das alle Besinnung gleich mit meckerndem Gelächter zu vertreiben hat, warum Seiten um Seiten mit Umdichtungen und Möchtegern-Parodien von "Mignon", "Erlkönig", "Über allen Gipfeln ist Ruh" und dem "Heideröslein" gefüllt werden müssen, warum eine Public-Relations-Dämlichkeit wie der Wettbewerb des Insel-Verlags "Meine fünf (Lieblings-)Gedichte von Goethe" nochmals ausführlich dokumentiert werden muß.

Die Chance liege augenblicklich vielleicht gerade in einer Goethe-Ferne, die es vergleichsweise ideologiefrei erlaube, "Goethen samt seinem Drumherum und seinen Folgen neu darzubieten: sperrig, unverpackbar und irritierend", heißt es in der Vorbemerkung der Herausgeber. Was wir hier aber in der Hand halten, ist eine Rezeptionsgeschichte Goethes als Kuriositätenkabinett, in dem sich große Texte wie Schillers berühmter Brief an Goethe vom 23. August 1794 oder Walter Benjamins tiefsinniger Kommentar zu Goethes Brief an Moritz Seebeck, einem der letzten, den der Alte schrieb (am 3. 1. 1832), fast wie säuerlich-deplacierte Ernsthaftigkeiten ausnehmen.

Was da nottäte: Ein Lektor, der zusammen mit den Herausgebern nochmals das ganze Buch von der Einleitung bis zur letzten Seite ent-witzelte, die Texte, die nur für einen hämischen Lacher gut sind, auf ein Drittel reduzierte und das Autoren-Trio Henscheid/Eilert/Bernstein auch dazu brächte, auf den Abdruck ihres 140-Seiten-Hörstücks "Eckermann und sein Goethe" zu verzichten. Dann hätte das Buch, das im Detail oft sehr liebevoll gemacht ist und manchen guten Text-Fund enthält, 300 Seiten weniger und dafür mehr innere Linie.