Von Helmut Bonheim

Die Sparwut in den Bundesländern schlägt in den letzten Wochen hohe Wellen, Bei uns wurde kürzlich ein eigentlich völlig lächerlicher Vorschlag gemacht, dem aber trotzdem entschieden entgegenzutreten ist. Denn er ist an einigen vermutlich den nicht gerade fortschrittlichsten Universitäten wiederholt aufgetaucht. Dieser Vorschlag besteht in der Abschaffung der Wissenschaftsministerien, wovon man sich die jährliche Einsparung mehrerer Millionen an Staatsgeldern erhofft.

Einige meiner Kollegen scheinen von diesem Vorschlag derart verblüfft zu sein, daß sie auf Anhieb keine überzeugenden Gegenargumente aufbringen können. Nun habe ich selbst als Anglist und Amerikanist immer wieder mit Gästen aus Übersee zu tun, die in ihrer naiven Art ebenfalls verwundert nach Nutzen und Funktion eines Wissenschaftsministeriums – einer Institution, die z. B. in den Vereinigten Staaten kaum bekannt ist – fragen. Deshalb bin ich vielleicht besonders dazu berufen, wenn nicht befugt, die Untauglichkeit des genannten Vorschlags herauszustellen.

Zum einen muß man bedenken, daß die besagten Ministerien in Gebäuden untergebracht sind, die auch nach Auszug der Ministerialbeamten weiterhin beträchtliche Kosten verursachen würden Es besteht ja schließlich kein großer Mangel an Büroraum in den Landeshauptstädten, Man könnte diese Räume also nicht einfach gewinnbringend weitervermieten. Zum anderen; Die dort beschäftigten Beamten und Angestellten genießen eine weitgehende Arbeitsplatzsicherheit. Die Einsparungen, die man sich auf den ersten Blick vorstellen mag, werden also keineswegs möglich sein. In jedem Fall ist das Problem der Arbeitslosigkeit derzeit so gravierend, daß man durch das "Austrocknen" der Ministerien das Problem nur verschlimmern und nicht verbessern würde.

Nun wurde argumentiert, mit den freigewordenen Ministerialbeamten entstünde ein Angebot an auf den Gebieten der Hochschulpolitik und der Verwaltung erfahrenen Personen, die man dringend an den Universitäten benötige. Dabei wird aber geflissentlich übersehen, daß die Universitäten notgedrungen auch hohe Anforderungen bezüglich einer akademischen Vorbildung stellen. Es gäbe vielleicht keine zwingenden Gründe, die Hürden weiterhin so hoch zu stecken, wenn es nicht inzwischen eine so beträchtliche Anzahl hochqualifizierter akademischer Lehrer gäbe, die aufgrund der unlängst verabschiedeten Hochschulgesetze entweder von Arbeitslosigkeit bedroht sind oder sich bereits auf der Straße befinden. Es wäre sicher politisch unklug, habilitierte Dozenten vor den Kopf zu stoßen, indem man ihnen Personen an die Seite gibt, die in der Ministeriensprache als "Quereinsteiger" bezeichnet würden. Folglich ist die Idee, die ganze Ministerialbürokratie zu versetzen und auf die Hochschulen zu verteilen, ein unüberlegter und, wie ich meine, auch undurchführbarer Vorschlag.

In der Diskussion wird auch immer wieder die Tatsache übersehen, daß die Auflösung der Ministerien eine große Anzahl derzeitiger Mitarbeiter an den Universitäten arbeitslos machen würde. Denn seit den späten sechziger Jahren, als die Flut sich widersprechender Erlasse, Prüfungsordnungen, "Handreichungen" etc. – ganz zu schweigen von der Hochschulgesetzgebung selbst – anzuschwellen begann, wurden viele Jungakademiker zu Kustoden, akademischen Räten oder Fakultätsassistenten gemacht, um der Papierflut Herr zu werden. Hier entstand also eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Mitarbeitern, die sich in früheren Jahren vermutlich hätten wissenschaftlich weiterentwickeln können, die aber stattdessen für die Verarbeitung von Reformvorschlägen, die Durchführung von immer schwerer interpretierbaren Durchführungserlassen und dergleichen mehr benötigt wurden. Diese Mitarbeiter darf man nicht mit einem Federstrich über Nacht zur Arbeitslosigkeit verdammen.

Hinzu kommt natürlich auch, daß die Abschaffung der Ministerien unweigerlich eine geradezu revolutionäre Wirkung auf die Hochschulen hätte. Es ist ja das Verdienst der Ministerialbürokratie, seit etwa 15 Jahren das Wort "Reform" zwar sehr groß zu schreiben, klugerweise gleichzeitig aber auch eine Transparenz der Reform, sprich eine simultane Durchführung jedes Reformschrittes an allen Hochschulen zu verlangen, Vor mir liegt ein Reformplan, den meine Kollegen mit mir 1969 ausarbeiteten und dem zuständigen Referenten beim Ministerium vorlegten. Dieser Plan wurde damals sofort mit dem Argument erledigt, daß doch die "große Reform" bevorstünde, so daß kleine Änderungen wie die, die wir damals vorhatten (es ging um einen verstärkten Praxisbezug in den Prüfungsanforderungen), die wirklich großen Fortschritte nur hemmen könnten. Rückblickend sehe ich auch, mit den Jahren etwas älter und weiser geworden, daß der damalige Reformvorschlag nicht ganz die ideale Lösung aller Probleme darstellte. Wie dem auch sei, der große Traum von der zentral verwalteten Reform hat in effektiver Weise verhindert, daß sich etwas geändert hätte; nur so haben sich die traditionellen Werte der Universitäten beibehalten lassen.