Von Christian Graf von Krockow

Im Mittelalter lagen die beiden Seiten des Bewußtseins – nach der Welt hin und nach dem Inneren des Menschen selbst – wie unter einem gemeinsamen Schleier, träumend oder halbwach. In Italien zuerst verweht dieser Schleier in die Lüfte; es erwacht eine objektive Betrachtung und Behandlung des Staats und der sämtlichen Dinge dieser Welt überhaupt; daneben aber erhebt sich mit voller Macht das Subjektive; der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches."

Mit diesen Sätzen schildert Jacob Burckhardt den zentralen Vorgang der Renaissance. Vieles ließe sich noch nennen, was vorausgeht und folgt: antike Philosophie, Christentum, Humanismus, Reformation, Aufklärung, die bürgerliche Gesellschaft, der Kapitalismus. Dennoch signalisiert die Renaissance einen Umbruch und Aufbruch. Europa tritt in jedem Sinne an zur Eroberung der Welt. Das Individuum als Subjekt macht sie zum Objekt – und sich zu ihrem Herrn.

Damit trennt sich Europa von anderen Kulturen, in denen der einzelne immer eingebettet bleibt in die Familie, den Stand oder Stamm, das Volk, kurz in die Gruppe, die als erste und eigentliche Realität erscheint. Als Lohn der Trennung winkt nicht nur Herrschaft, sondern auch Freiheit – die Freiheit eben von überkommenen Bindungen. Aber auch ein Preis muß gezahlt werden. Freiheit wird erkauft durch Vereinzelung, schließlich durch Einsamkeit.

Ist das nicht ein zu hoher Preis? Was ist der Sinn dieser einsamen Freiheit, wohin führt sie? Mündet sie nicht, bis an ihr Ende gedacht und gebracht, ins Leere, ins Nichts, in die Verzweiflung? Und bildet deren Kehrseite nicht die Selbstbetäubung des Tuns, Herstellens, Immer-mehr-Wollens, des Eroberns, Herrschens, Unterdrückens – und damit eines Zerstörens, das auf die Naturverwüstung ebenso zielt wie auf die Verkrüppelung des Menschen? Muß also das Verhängnis nicht rückgängig gemacht werden durch eine neue Gemeinschaft?

Solche Fragen sind wieder und wieder gestellt worden, zumal in Deutschland. Als die moderne Soziologie ihren Siegeszug begann, schrieb Ferdinand Tönnies sein Buch "Gemeinschaft und Gesellschaft". Der Autor meint damit polar gegensätzliche Formen des Zusammenlebens. "Das Verhältnis und also die Verbindung (der Menschen) wird entweder als reales und organisches Leben begriffen – dies ist das Wesen der Gemeinschaft, oder als ideelle und mechanische Bildung – dies ist der Begriff der Gesellschaft... Gemeinschaft ist das dauernde und echte Zusammenleben, Gesellschaft nur ein vorübergehendes und scheinbares." In der Gemeinschaft sind die Menschen ihrem Wesen nach verbunden, in der Gesellschaft aber wesentlich getrennt. Die negative, trotz aller höflichen Fassade im Grunde nur auf Gegenleistung und persönlichen Vorteil berechnete Beziehung ist in der Gesellschaft normal, während in der Gemeinschaft alle Mitglieder sich wirklich verbinden und füreinander eintreten.

Die Verteilung der Akzente ist deutlich. Sie wird durch eine geschichtliche Beziehung noch betont: Gemeinschaft erscheint als ursprünglich, als früh, die Gesellschaft als spät; sie ist ein Zerfallsprodukt der Gemeinschaft und auf ihre Zerstörung gerichtet. Tönnies nähert sich hier der marxistischen Kritik: Arbeitsteilung und Entfremdung sind die Kennzeichen der Bürger-Gesellschaft. Auch im "Kommunistischen Manifest" heißt es ja, daß die Bourgeoisie alle "idyllischen Verhältnisse" zerstört und Kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen hat, "als das nackte Interesse, als die gefühllose bare Zahlung"; jede Hingabe wird zum Spott und "in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt". Eben dies meint Tönnies, und er schaut zurück auf die verlorene Gemeinschaft.