Von Dieter E. Zimmer

Umberto Eco ist seit elf Jahren Professor für Semiotik an der Universität Bologna und damit Praktikant einer weltabgeschiedenen Kunde, von der selbst die Kollegen in den benachbarten Fachrichtungen nicht genau wissen, was eigentlich ihr Forschungsgegenstand ist; Folgen fürs Leben zeitigt jedenfalls die "Lehre von den Zeichen" kaum.

Eco aber war immer alles andere als ein Esoteriker. Er wurde bekannt als Verfasser scharfsinniger Essays über moderne Kunst, insbesondere über als schwierig geltende Autoren wie James Joyce, und ist einer der Mitbegründer der Lehre vom "offenen Kunstwerk" – des Kunstwerks als einer Sache, die sich jeder Betrachter oder Leser selbst wiedererschaffen muß und die somit immer in Bewegung bleibt.

Er hatte zudem immer einen Hang zur Massenkultur, zum sogenannten Trivialen, zu den Sprachen des Alltags, zu Krimis und Illustrierten, hat fürs Fernsehen gearbeitet und für Zeitungen und ist der Meinung, der heutige Intellektuelle sollte durchaus in Diskotheken Inspiration holen.

Sein Hobby war seit seiner Studienzeit das Mittelalter, und aus seinem angesammelten Wissen hat er 1980, mit fünfzig Jahren, vermutlich eher zum eigenen Vergnügen einen Roman gemacht, der erstaunlicherweise sogleich selber zu einem Phänomen der Massenkultur wurde, zu einem preisgekrönten und hochgehandelten internationalen Bestseller.

Die letzte Woche im November des Jahres 1327. Eine kleine, aber feine Benediktinerabtei in den Bergen Nordwest-Italiens, ein paar Tagesreisen von Novara. In der Abtei die größte Bibliothek der damaligen Welt: das gesamte Wissen der Zeit, etliches davon dem Glauben gefährlich, gehütet wie ein einziger Giftschrank. Die Mönche keine Heilige: In den Klostermauern gibt es Ehrgeiz, Neid, Habgier und die "natürliche" wie die "widernatürliche" Unzucht. Es gibt sogar Mord, eine ganze Serie von Morden.

Das ist um so peinlicher, als die Abtei während dieser Woche Schauplatz einer Gipfelkonferenz wird: In ihren Mauern treffen sich die Delegationen der höchsten geistlichen und der weltlichen Macht des zur Zeit in Avignon residierenden Papstes (Johannes XII.) und des römischen Kaisers (Ludwig der Bayer). Thema: Ob der Papst beanspruchen darf, die Wahl des Kaisers zu billigen oder für ungültig zu erklären. Thema hinter dem Thema: Die Stellung des katholischen Glaubensfürsten zu weltlicher Macht und weltlichem Besitz. Thema hinter diesem Thema: Wie sich stellen zur Herausforderung all jener franziskanischen Bewegungen, die steif und fest behaupten, Christus sei arm gewesen und wer ein christliches Leben führe, dürfe oder gar müsse selber arm sein?