Hessen über alles, ein Buch als Hymne auf ein Land, seine Menschen, Traditionen und seine Geschichte. Was macht die Hessen zu den Hessen, ist die Frage; die Eigentümlichkeiten eines Volkes, das nur einen kleinen Flecken auf der deutschen Landkarte bevölkert, sind das zentrale Thema. "Die Bundesländer betrachten sich immer weniger als rein administrative Einheiten, sie betonen ihre historische und politische Eigenständigkeit. Die,Hessen Bibliothek‘ möchte zu dieser Entwicklung einen Beitrag leisten mit Büchern, die bisher vernachlässigte kulturelle, sozialgeschichtliche und politische Aspekte darstellen und analysieren sollen", heißt es auf dem Umschlagblatt –

"Hessisches Lesebuch", Herausgeber Hans Herder; Die Hessen Bibliothek im Insel Verlag, Frankfurt, 1981; 522 S., 38,– DM.

Tacitus’ Erfahrungen mit den Chatten, den Vorfahren der jetzigen Hessen, stehen am Anfang der achtundachtzig Beiträge. Persönliche Erlebnisberichte, (Selbst-)Biographien, Geschichtsdarstellungen, literarische Erzählungen und Gedichte dokumentieren hessische Historie und Lebensweise. Ereignis folgt auf Ereignis, manchmal mit großen Zeitsprüngen. Von der Epoche, als die Kriegsführung die wichtigste Überlebenskunst der Menschen war, über die Entwicklung eines Staatensystems, in dem zwischengeschaltete kirchliche Institutionen über das Leben der Menschen entschieden, bis zu den nahen Zeugnissen der brutalen Hitler-Herrschaft, führt der Überblick. Die Geschichte zieht in Geschwindigkeit vorüber, so daß gute historische Kenntnisse Voraussetzung sind, um dem Ablauf folgen zu können.

Die Artikel sind chronologisch geordnet, eine sinnvolle Art der Zusammenstellung. Lyrisches steht neben Augenzeugenberichten, Aufregendes neben Langweiligem und Landschaftsbeschreibungen neben Biographien. Wenn aber auf ein hochbrisantes politisches Thema ein harmloser Artikel folgt, wird die Anordnung fraglich. Warum muß zwischen zwei der erschütterndsten Dokumente der faschistischen Terrorherrschaft – einer Reportage über eine Suchkartei für vermißte Menschen nach dem Krieg und dem Bericht über den Frankfurter Auschwitz-Prozeß – "Das Lob der hessischen Wälder" von Marie Luise Kaschnitz eingeschoben werden? So (zerstört die Atmosphäre der Brutalität die tiefe Naturempfindung, und die zarte Poetik steht im krassen Gegensatz zu dem Erschrecken.

Die unzähligen Landschafts- und Städtebeschreibungen berühmter und weniger bekannter Autoren sind meistens nur für Kenner der Örtlichkeiten interessant. In vielen wird eine glorreiche Vergangenheit heraufbeschworen, die dem trostlosen Nachkriegsbild des Wiederaufbaus gewichen ist. Nicht jeder schreibt so amüsant wie Mark Twain, der sich auf einer Deutschlandreise im Gasthaus zum Naturalisten von einer ausgestopften Eule irritiert sieht, die "mit der Miene eines Mannes auf mich herabschaut, welcher meint, mich schon einmal getroffen zu haben, sich aber nicht ganz sicher ist".

Ganz eindeutig ist aber die Politik das eigentliche Thema dieses Bandes. Ein geschichtlicher Rundblick aus persönlicher, manchmal sogar intimer Sicht; eine Historie der Macht und des Widerstandes gegen die Machthaber, der sich, will man der Logik des Buches folgen, in der – zweifelhaften – Tradition des "linken Hessen" fortsetzt. Den reformatorischen Beginn machte schon Phillip der Großmütige, der als einer der ersten bereit war, seinen Staat, seine Kirche und seine Gesellschaft nach den umstürzlerischen Grundsätzen der Herren Luther und Zwingli zu ordnen. Grimmelshausen stand dem Landesfürsten hundert Jahre später mit seinem Roman "Der abenteuerliche Simplizissimus", in dem er die totale Militarisierung des Lebens im 17. Jahrhundert ironisierte, an Gewagtheit nichts nach. Friedrich Schiller, Heinrich Heine, Georg Büchner sind die revolutionären Repräsentanten des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Das Thema des Widerstandes klingt im zwanzigsten Jahrhundert allerdings ein wenig seicht aus. Allein fünf Biographien über Sozialdemokraten und Gewerkschaftler erwecken den Eindruck, daß nur diese Gruppe die Weimarer Republik geformt, unter Hitler, gelitten habe und in den Kampf gegen das Regime getreten sei.

Zu kurz kommt bei all der Politik vor allem die Wirtschaft und Industrie, die unser Leben ja in den letzten hundert Jahren vor allem auch in Hessen entscheidend beeinflußt haben. Nur wenige Artikel behandeln kulturelle Themen: Theater, Architektur, Musik und Kunst kommen fast gar nicht vor. In einem Lesebuch, das sich zur Aufgabe gemacht hat, das Selbstbewußtsein eines Volksstammes zu stärken, ist es schon merkwürdig, daß die nationalen Eigenarten, ganz besonders die kulturellen, nicht herausgehoben werden. Kein einziges Mundartstück ist in der Auswahl, kaum eine Beschreibung des Landlebens, und vieles könnte auch für andere Gegenden Deutschlands gelten. Nur ein Märchen – E. T. A. Hoffmanns Geschichte vom Schneiderlein aus Sachsenhausen – steht stellvertretend für die volksnahe Sagen- und Märchenwelt des Hessenlandes, in dem immerhin die Brüder Grimm geboren wurden.