Von Werner Weidenfeld

Politische Ratlosigkeit und intellektuelle Geschäftigkeit stehen offenbar in enger Wechselwirkung. Wie anders ist die Flut der Bücher über die Deutschen und ihre Gemütslage gerade zu jenem Zeitpunkt erklärbar, in dem die Deutschen offenbar unsicher geworden sind über Grundmarkierungen ihrer politischen Ortsbestimmung? Gleichsam in kulturellen Wellenbewegungen werden Fragen nach der deutschen Nation, nach der Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland, nach der Zielbestimmung der Deutschen aufgeworfen – und offenbar unbeantwortet wieder abgelegt. Der politische Alltag der Millimeterschritte und der taktischen Finessen dominiert – bis sich dann wieder das schwärende Unbehagen über die Selbstdefinition der Deutschen seine Bahn bricht.

Kein Zweifel: Das Thema, was denn die Unverwechselbarkeit der Deutschen ausmache, ist wieder da. Dies mag anachronistisch erscheinen – angesichts der Internationalisierung politischer Sachverhalte, angesichts weltweiten kulturellen Austauschs und transnationaler Herausforderungen. Aber vielleicht hat gerade diese mangelnde Kontur internationaler Problemstellungen den Bedarf an einer befriedigenden Erklärung der kollektiven Identität der Deutschen wieder wachsen lassen. Ein solcher Bedarf besteht auch offenkundig im Ausland, wo die Irritationen bezüglich der Verortung der Bundesrepublik Deutschland wieder nachhaltiger auftreten, sei es aus Furcht vor einem neuen, überbordenden Nationalismus, sei es aus skeptischem Mißtrauen gegenüber einem unnatürlich unterentwickelten Patriotismus der Deutschen. Das manchmal peinliche Oszillieren deutscher Selbstdarstellungen zwischen selbstquälerischem Kleinmut und prahlerischer Zahlmeister-Attitüde verwirrt offenbar – drinnen wie draußen.

Also eine Gesellschaft voller geistiger Unruhe, voller drängender Suche nach den Wegen zu sich selbst? Mitnichten – wenn man den Ergebnissen der empirischen Sozialforschung folgt. Die Soziologin Helge Pross hat sie interessant und anregend zusammengestellt:

Helge Pross: "Was ist heute deutsch? Wertorientierungen in der Bundesrepublik Rowohlt Verlag, Reinbek 1982, 158 S., 24,– DM. Sie untersucht, was die Mehrheit der Westdeutschen von heute hinsichtlich ihrer Wertvorstellungen mit der Mehrheit der Deutschen in den früheren Epochen gemeinsam hat – und was sie von ihnen trennt.

Danach stehen gegenwärtig – bei aller Wertschätzung von Ordnung und Sicherheit – nicht mehr die alten Tugenden früherer Epochen, also Disziplin, Gehorsam, Unterordnung im Vordergrund; der Wunsch geht nach privater Unabhängigkeit und Durchsetzung der persönlichen Interessen. Und was das Ganze des politischen Systems betrifft, so ist zwar eine Bejahung der Demokratie festzustellen, nicht aber eine affektive Leidenschaft für die politische Ordnung. Man hat sich eingerichtet, versucht seine Interessen zu realisieren, pflegt einen pragmatischen Konsens. Dies alles arbeitet Helge Pross anschaulich heraus – auch wenn für sachkundige Leser vieles zur Wiederholung hinlänglich bekannter Fakten gerät.

Die hier dargestellte trockene Gelassenheit des gesellschaftlichen Alltags der Bundesbürger kontrastiert lebhaft zu den heute sonst gängigen wissenschaftlichen und publizistischen Diagnosen der angeblich schwerwiegenden deutschen Neurosen. Dabei hat vielleicht die praktische Politik der Bundesrepublik Deutschland bisher gerade deswegen alle Thesen von Unregierbarkeit und Legitimationskrise widerlegt, weil ihr pragmatischer, pluraler Konsens und ihre vielschichtigen Identitätsbezüge den Bedingungen und Anforderungen moderner Industriegesellschaften eher entspricht als alle fundamentalistischen Träume.