Von Heinz Ludwig Arnold

Als Gisela Elsner vor 20 Jahren an ihrem ersten Roman "Die Riesenzwerge" schrieb (Bruchstücke erschienen 1962 in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Anthologie "Vorzeichen I"), war der Kleinbürger, speziell der deutsche, schon längst zum Helden der deutschen Nachkriegsliteratur avanciert: Bei Günter Grass als "Mief", dessen faschistoide Anfälligkeit dem Nationalsozialismus den Weg bereiten half; bei Martin Walser als Prototyp der konkurrierenden Mittelstandsgesellschaft; bei Heinrich Böll immer dort als Mitleidsträger, wo er nicht, als bornierter Funktionär irgendwelcher öffentlicher Institutionen, seine humanitäre Grundsubstanz hat vertrocknen lassen; als materialistisch gesonnener Restaurationsbürger der Adenauer-Zeit war er Zielscheibe der satirischen Lyrik Hans Magnus Enzensbergers.

Als Gisela Elsner 1964 "Die Riesenzwerge" publizierte und ein Werk eröffnete, das bis heute im Kleinbürgermilieu angesiedelt ist und dessen spießbürgerlichen Typus aufs Korn nimmt, gab es auf diesem Terrain fast schon nichts mehr zu entdecken. Wirkungsvoll war damals aber die Spannung zwischen der sprachlichen Lakonie, die der Ästhetik des damals diskutierten "nouveau roman" nahekam, und der Monstrosität ihrer Figuren und Verhältnisse. Walter Widmer hat diese Spannung mit dem Wort von der "eiskalten Wut der Gisela Elsner" zutreffend benannt. (Schließlich war damals interessant, daß ein solches Buch von einer Frau geschrieben worden war...)

Auch die jeweils im Abstand einiger Jahre erschienenen Romane und Erzählungen Gisela Eisners bleiben bei dem einmal angeschlagenen Thema: "Der Nachwuchs" (1968), "Das Berührungsverbot (1970), "Der Punktsieg" (1977) – und nun "Abseits". Schon beim "Nachwuchs" allerdings wurde kritisiert, die Autorin werde zu ihrer eigenen Epigonin. Die Zeiten hatten sich geändert: Karikatur der Kleinbürgerwelt zum konsumierenden Genuß jener Leser, die sich nicht dazuzählten, war nicht mehr gefragt; nun galt es ja, diesen Kleinbürger aus seiner unverschuldeten Unmündigkeit zu erlösen. Das Halali zum größten gesellschaftlichen Aufbruch war geblasen.

Auch Gisela Elsner schloß sich dieser Bewegung an. Sie engagierte sich in politischen Gruppen – und hielt doch ihre Literatur weitgehend frei von aufgesetzten Soziologismen, die der Literatur und denen, die sie verfaßten, die Phantasie raubten; Sie nahm auf, was politisch in der Bundesrepublik geschah (Terrorismus, zunehmende Kontrolle der Gesellschaft durch Staat und Bürokratie, Restauration), aber gleichzeitig verlagerte sie auch die Perspektive ihres Erzählens: Ihre Erzählungen in dem Band "Die Zerreißprobe" (1980) wenden den Blick, der bis dahin von außen auf die Figuren gerichtet war, nach innen; ihre Prosa schilderte nun die Erfahrungen der Personen aus deren Bewußtsein. (Daß dies durchaus im Trend der literarischen Entwicklung seit der Mitte der 70er Jahre liegt, sei nebenher bemerkt.)

Wenn der Verlag den neuen Roman als "das ,menschlichste‘ Buch der Elsner" bezeichnet, mag das mit diesem Wechsel der Erzählerperspektive und des literarischen Trends zusammenhängen; zutreffender ist die Feststellung, daß "Abseits" der bei weitem realistischste Roman der Elsner ist: ohne Übersteigerungen, ohne das aus dem Gewöhnlichen gezogene Monströse, ohne karikierendes Verfahren. Es ist von härterer Substanz als die gängigen Leidensbiographien, mit denen man jetzt so gern und so schnell in die Literatur einzurücken versucht. Und es wirkt durchaus ambivalent, abstoßend und faszinierend zugleich: Die Wirkungen von äußerer Form, innerer Struktur und Sprache auf der einen und von Inhalt, Figuren und Handlung auf der anderen Seite, lassen sich so leicht nicht auseinanderdividieren.

Erzählt wird die Ehe von Lilo und Ernst Besslein, von der Geburt ihrer Tochter Olwen bis zu Lilo Bessleins Selbstmord, mit dem sie ihrer Scheidung von Ernst zuvorkommt.