Von David Schoenbaum

Mag sein, wie Tocqueville vor beinahe 150 Jahren vorausgesagt hat, daß das russischamerikanische Verhältnis die Schlüsselbeziehung dieses Jahrhunderts ist. Das deutsch-amerikanische Verhältnis ist dennoch keine Bagatelle. Gegenstand zweier Weltkriege und unzähliger Konferenzen anläßlich der jeweiligen Krisen und Krislein, die seither entstanden sind, beschäftigt das deutsch-amerikanische Verhältnis seit mehreren Jahrhunderten die Geister. Schon im Schlepptau der Angelsachsen pilgerten deutsche Einwanderer gen Westen oder ließen sich verdingen, je nachdem um weitab vom cuius regio, eins religio – Joch ihres jeweiligen Landesvaters die Gewissensfreiheit zu genießen, um halb aus Versehen die Pressefreiheit mitzuetablieren oder auch im Söldnerdienst des britisch-hannoverschen Königs der amerikanischen Unabhängigkeit die angesäuselte Stirn zu bieten.

Zum unterschiedlichen Vorteil der Nachfahren haben sich schließlich leicht erkennbare Abwandlungen englischer Sprache, englischer politischer Sitten und englischen Brotes durchgesetzt. Dagegen bekennt sich das amerikanische Bier sowie die Mehrheit der heutigen U.S.-Bevölkerung zur deutschen Herkunft. Stimmigkeiten wie Unstimmigkeiten in der Außenpolitik sowie in den Kultur-, Währungs-, Handels- und Verteidigungsbeziehungen betreffen und interessieren weitaus mehr als die übliche geringe Zahl von Spezialisten.

Paradoxerweise ist die deutschsprachige Amerika-Literatur eher dürftig. Ordentliche, ja geradezu klassische Amerika-Berichte gibt es merkwürdigerweise in fast jeder Generation von Franzosen – Crevecoeur, Tocqueville, Siegfried, Bruckberger, Clement, Revel –, aber verständlicherweise auch von Engländern. Ein Schwede, Gunnar Myrdal, hat wie niemand vorher die amerikanischen Rassenbeziehungen seziert. In der Absicht wie im Ergebnis fällt die vergleichbare deutsche Literatur bescheiden aus. Es scheint, daß ein deutscher Tocqueville längst fällig ist. Gekommen ist er aber noch nicht. Daran ändert leider auch nichts

Klaus Harpprecht: "Der fremde Freund, Amerika: Eine innere Geschichte"; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1982; 480 S., DM 39,80,

wobei gleich hinzugesagt werden muß, daß es dem Autor nicht in den Sinn käme, anderes von sich zu behaupten. Ganz im Gegenteil gehört zu den immerhin beträchtlichen Tugenden seines Buches die Großzügigkeit, mit der er die Verdienste der Vorgänger, auch derjenigen deutscher Zunge, honoriert, die für ihn und vor ihm amerikanisches Gelände beackert haben. Man müßte schon dafür dankbar sein, daß einem Volk von Amerika-Unkundigen nun zumindest ansatzweise eine ordentliche Bibliographie vorliegt.

Allerdings beabsichtige und bietet der Autor weit mehr als nüchterne Information. Die Leidenschaft, beziehungsweise das Pathos, die das Buch zuweilen zum Glühen bringen, sind exemplarisch. Sie entsprechen der Gemütslage sowie den Lebensstationen eines politisch interessierten deutschen Intellektuellen, der sich seit gut zwanzig Jahren seiner 55 Jahre als Zielscheibe, vermeintlicher Günstling, ungefragter Mithaftender oder auch Beobachter mit amerikanischer Kultur und Politik beschäftigt.