Frankfurt: "Spielraum – Raumspiele"

Günther Ueckers Riesennagel, der sich seitlich von oben in den klassizistischen Giebel von Frankfurts Alter Oper bohrt, Claes Oldenburgs gigantischer Lippenstift, der auf dem Balkon darunter steht, eine abschußbereite Kosmetik-Rakete – das sind gelungene Beispiele für die spielerisch-ironische Inbesitznahme einer Architektur, die – nach der Inschrift am Giebel – dem Schönen, Wahren und Guten dient. Auch Jason Seleys "Colleoni II", eine aus verchromten Stoßstangen zusammengefügte Version von Verrocchios Reiterstandbild – die Figur steht vor dem Gebäude auf einem hohen Sockel – und Peter Sedgeleys "Wind-Licht-Ton-Turm" – ein Campanile aus flatternden Tüchern – sind vor dem Hintergrund der gravitätischen historistischen Architektur witzige Querschläger, nicht ganz ohne tiefere Bedeutung allerdings; Der Condottiere, der Herrenmensch der Renaissance, aus Autoteilen rekonstruiert, wird zum Symbol der Gewalt auf unseren Straßen, und der "weiche" Turm läßt sich als Metapher für die aktuelle Kunstsituation verstehen, denn die Segeltücher verformen sich je nach der Richtung, aus der der Wind weht. Im Inneren der Alten Oper dann gibt es nach Themengerechtem von Leonardo bis Le Corbusier eine normale Ausstellung an wenig geeignetem Ort, genauer, in Räumen, welche die Künstler, bis auf einige Ausnahmen, nicht überlegt adaptiert haben. Von den Lustschreien, die manche Künstler "im Vorgefühl ihrer Möglichkeiten" ausgestoßen haben sollen (Dietrich Mahlow, der Ausstellungsorganisator, will sie gehört haben), klingt in den endlosen, schmalen Gängen und im verwinkelten Treppenhaus kein Echo nach. Und den besten Platz, im Pausenfoyer, hat Mahlow zu einem großen Teil für eine Koläf-Retrospektive reserviert, die man nun wirklich hätte anderswo unterbringen können, denn die Collagen des Tschechen haben sehr viel zu tun mit Spiel und sehr wenig mit Raum. Hier hätte der Bühnenbildner Erich Wonder ein Environment aufbauen und Raffael Rheinsberg seine Funde aus einem abgebrochenen Frankfurter Bürgerhaus präsentieren können – so gibt es von dem einen nur Photos von Bühnenräumen, und der andere lagert seine Fundstücke in einer Ecke. In Jesus Raphael Sotos begehbarem Wald aus Schnüren wird Spielraum und Raumspiel zum Erlebnis. Aber das ist nur eine Nachbildung. (Bis zum 10. Oktober; Katalog 25 Mark).

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Berlin: "Expressionisten – Sammlung Bochheim" (Akademie der Künste bis 24. 10., Katalog 48 Mark)

Berlin: "Meisterwerke Antiker Kant – Abgußsammlung Berta" (Mosaikhalle der Siemens AG, Rohrdamm 85 bis 29. 10.)

Bremen: "Natur – Landschaft – Kunst" (Kunsthalle bis 24. 10., Katalog 16 Mark)