Maximen und Reflexionen einer neuen "Unkritischen Theorie"?

Von Ulrich Greiner

Das Zeitalter der Kritik ist zu Ende. Ein neues Zeitalter beginnt, und der Dichter Peter Handke ist sein Prophet. Am Ende des Romans "Langsame Heimkehr" (1979) erlebt der Naturforscher Sorger in einem New Yorker Coffee Shop plötzlich einen Augenblick inniger Verbundenheit mit allen Menschen und ihrer Geschichte. Er notiert dieses Erlebnis:

"Was ich hier erlebe, darf nicht vergehen. (...) Meine Geschichte (unsere Geschichte, ihr Leute) soll hell werden, so wie der Augenblick hell war; – sie durfte bisher ja noch nicht einmal anfangen: als Schuldbewußte zu niemandem gehörend, auch nicht zu den anderen Schuldbewußten, waren wir außerstande, in der friedlichen Menschheitsgeschichte mitzuschwingen, und unsere Formlosigkeit bewirkte nur immer neue Schuld. Zum ersten Mal sah ich soeben mein Jahrhundert im Tageslicht, offen zu den anderen Jahrhunderten, und ich war einverstanden, jetzt zu leben. Ich wurde sogar froh, ein Zeitgenosse von euch Zeitgenossen zu sein, und ein Irdischer unter Irdischen: und es trug mich (über alle Hoffnung) ein Hochgefühl – nicht meiner, sondern menschlicher Unsterblichkeit. Ich glaube diesem Augenblick: indem ich ihn aufschreibe, soll er mein Gesetz sein. Ich erkläre mich verantwortlich für meine Zukunft, sehne mich nach der ewigen Vernunft und will nie mehr allein sein. So sei es."

Also sprach Peter Handke,

Am Ende seines kürzlich in Salzburg uraufgeführten Theaterstückes "Über die Dörfer" steigt Nova, die Künderin von Handkes Botschaft, auf die Friedhofsmauer und rät uns Menschen zu Glaube, Liebe und Hoffnung:

"Aus mir spricht der Geist des neuen Zeitalters (...) Schüttelt euer Jahrtausendbett frisch. Bewegt euch. Die lebenslang Siechen, das seid nicht ihr. Eure Kunst ist für die Gesunden, und die Künstler sind die Lebensfähigen – sie bilden das Volk. Übergeht die kindfernen Zweifler. Wartet nicht auf einen neuen Krieg (...) Übt, übt die Kraft der schönen Überlieferung – damit das Schöne nicht jedes Mal wieder nichts war. Erzählt einander die Lebensbilder. Was gut war, soll sein. Verlangsamt euch mit Hilfe der Farben – und erfindet: seht das Grün und hört das Dröhnen, und verwandelt eure unwillkürlichen Seufzer in mächtige Lieder. Ja, in den wahrhaften Momenten entsteht ganz natürlich das Gebet zu den Göttern: der Himmelsschrei ist die Form, und die Form zeigt im Raum die Arkade: unsere Kunst muß aus sein auf den Himmelsschrei!"