Nicht die lauten Nachrichten sind es, die am Beginn der Frankfurter Buchmesse schrecken, sondern die leisen. Unüberhörbar: die Meldungen von Konkursen und Vergleichen.

Zwischen der Buchmesse 1981 und dem jetzt eröffneten Jahrmarkt der Bücher galt es Abschied zu nehmen von Molden und Stalling, von Schmalfeldt und Schroedel (auch wenn einige am Tage des Gerichts frohgemut ihre Wiederauferstehung ankündigten). Da klingen (noch so dramatische) Notizen über Besitz-Verschiebungen zur Rettung von Verlagen (Atlantis, Claassen, Econ, Kindler, Kristall, Mahnert-Lueg, Marion von Schröder) beruhigend, weil branchenüblich. Während die französische Regierung den Haushalt des Kulturministeriums von den allgemeinen Sparbeschlüssen ausnimmt, ja ihn um eine Milliarde Francs (also um 17 Prozent) erhöht, weil sie die Ansicht des Kulturministers Jack Lang teilt, gerade in Zeiten wirtschaftlicher Not sei reges geistiges Leben besonders nötig, heißen die entsprechenden Wörter bei uns: Schließung (von Theatern und Verlagen), Einstellung (von Programmen und kritischen oder experimentellen Buchreihen).

Zu den "lauten" Meldungen müssen wir es auch zählen, wenn der den Börsenverein des Deutschen Buchhandels hanseatisch leise steuernde Vorsteher, Günther Christiansen, sich gezwungen sieht, vor der Abgeordnetenversammlung zu bekennen: "Der Buchhandel tut sich schwer, den Markt mit qualitativ guten Büchern zu bedienen. Der Buchmarkt wird schrumpfen."

Alarmierender als Konkurs-Notizen und Kassandra-Rufe, bedrohlicher für das geistige und kulturelle Leben könnten Verlagsnachrichten sein, die kaum jemand liest, die mancher Buchhändler vielleicht sogar mit einem Seufzer der Erleichterung vernimmt. Da stoppt der durch seine Klassiker-Ausgaben berühmt gewordene Hanser Verlag die Auslieferung einer dreibändigen Ausgabe der Werke von Johann Gottfried Herder, obwohl der erste Band bereits gesetzt ist, die beiden anderen im Manuskript vorliegen. Nun könnte man sagen: wenn nicht diese Ausgabe, dann eben eine andere. Nur gibt es seit über hundert Jahren (bis auf eine Auswahl in der DDR) in Deutschland gar keine Ausgabe der Werke des Mannes, den jedes Lexikon, jede Literaturgeschichte zu den Wegbereitern unserer klassischen National-Literatur, wenn nicht gar selber unter die "deutschen Klassiker" rechnet.

Natürlich kann man fragen: wer braucht, wer liest dreitausend Seiten Herder? Ist es nicht besser, bei Reclam erscheinen die wenigen Schriften eines Autors, die für uns heute noch wichtig sind, in preiswerten Taschenbuch-Ausgaben? Man darf aber auch fragen, wie schätzt eine Nation sich ein, welche Überlebens-Chance gibt sie sich selber, wenn sie, anders als die europäischen Nachbarn, die Literatur des Landes, vor allem die in den klassischen Werken überlieferte, nicht einmal mehr in halbwegs vollständigen Ausgaben für Leser bereithält.

Bald könnte im gesamten geistigen Leben wahr werden, was der Regisseur Hansgünther Heyme für das Theater beklagt: "Ein junges Publikum kennt die klassischen Denkmäler unserer Literatur überhaupt nicht mehr und liest die alten Texte sowieso in den Schulen kaum noch. Am Aufstocken des Wehr-Etats und dem tödlichen Zusammenschrumpfen der Kultur-Etats sehen wir doch, daß dieser Staat überhaupt nicht kapiert hat, wo es lang gehen soll. Diese Gesellschaft hat nicht verstanden, daß man ohne Vergangenheit nicht leben kann."

Bisher, so sagen Verleger und Buchhändler, "gingen" Klassiker-Ausgaben auch noch in Krisenzeiten. Jetzt gibt es auch da den Einbruch: Einzel-Ausgaben finden kaum noch Käufer. Weniger Sorgen machen sich Verleger, die nicht Einzelausgaben, sondern ganze Bibliotheken anbieten, etwa der neugegründete Deutsche Klassiker Verlag (720 Bände) oder Harenberg, der seine "Bibliothek deutscher Klassiker" in 60 Bänden mit einer innenarchitektonischen Empfehlung anbietet: "Die 60 Bände füllen eine Manneslänge im Bücherregal."

Zu fürchten ist eine Spaltung der Leserschaft: teure Klassikerausgaben für Leute, die gar nicht lesen wollen oder nicht zum Lesen kommen, während sich die anderen, die lesen wollen und mit den Klassikerausgaben arbeiten müssen, Schüler, Studenten, Lehrer, mit ausgewählten Einzelausgaben zufriedengeben müssen. Rolf Michaelis