Die sechs Gedichtbände, eine Kassette und eine Schallplatte von Christoph Derschau sind in kleinen Verlagen herausgekommen. Derschaus Gedichte zeigen, was Lyrik in verknappter, einfacher und eingängiger Sprache hervorbringen kann: "REZEPT / Sich selbst die linke / Hand abhacken / Dann die Geliebte / bitten die rechte / Hand abzuschlagen / Beide Hände begraben. / Aber wo? / Zum Prothesenmacher / gehen und dort / zwei neue / Hände anmessen. / Mit den neuen / Händen zur Hand- / leserin gehen / und sich die Zukunft / bescheinigen lassen.

Christoph Derschau & Ceddo: "Grüne Rose Live", Langspielplatte; Saguitarius Music 003, J. Schrumpf, Oskarweg 44, 4600 Dortmund, 15,– DM

Christoph Derschau: "Grüne Rose", mit einem Nachwort von Vincenz Nola; Verlag Das Wunderhorn, Ladenburgstraße 82, 6900 Heidelberg, 116 S., 14,80 DM

Christoph Derschau: "Monolog in der Küche – Gedichte und Lieder"; Verlag Lichtspuren, Militärstraße 47, CH-3014 Bern, 65 S., Fotos, 13,– DM.

Da sind zum einen die sanften, eindringlichen Sprechweisen, die frappierenden Wendungen, die Veränderungen und Verzerrungen geläufiger Ansichten: "Atlantis aufbauen und das zerstörte Theben / einen Grabstein von unten beschriften / mit der Wahrheit / Liebevoll des anderen Kopf zergrübeln." Aber gleichermaßen artikuliert der Autor Wut, Enttäuschung oder Verzweiflung über die Misere am Arbeitsplatz, über die Trostlosigkeit sogenannter Freizeit, über das Elend privater Beziehungen, über Atomkraftwerke, Umweltverschmutzung und Kriegstreiberei, über die Diskriminierung von Minderheiten. Viele Gedichte werden jetzt hart, drastisch, ihr Sprachgebrauch demonstriert das Gegenteil ehemals lyrischer Hochsprache. Derschau wählt den Jargon der Freaks. Das Vokabular ist – wie es so heißt – obszön.

Natürlich wäre es lächerlich, gerade von Gedichten das Positive, das Konstruktive, die Veränderungsvorschläge zu fordern. Mit der Erwartung, Literatur habe Ansichten zu vertreten, Sätze zu schreiben, die auch außerhalb von Literatur ohne weiteres sagbar wären, brächte man die Literatur rasch an ihr Ende. Was gelegentlich zu fehlen scheint, ist die Verunsicherung, die Derschau ansonsten so prägnant hervorrufen kann. So irritiert die Frage eines blinden Kindes nach der Farbe des Windes mehr als direkte Proklamation oder die poetisch zu wenig vermittelte Expression, der "Wut im Blut". Schade, daß sich Derschaus Lied "La couleur du vent" auf der Schallplatte, die Derschau zusammen mit der Dortmunder Jazz-Rock-Gruppe "Ceddo" aufgenommen hat, hier nicht wiedergeben läßt.

Derschau zitiert und thematisiert die Tradition, in der seine eigenen Texte stehen: Rock- und Jazz-Sänger spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Poesie von Shakespeare, Heine, Joyce, Rimbaud und Jarry bis zu Ernst Meister und Rose Ausländer.

Der Name "Grüne Rose" geht zurück auf das (wie es im witzigen Nachwort von Vincenz Nola heißt) geniale Phlegma eines böhmischen Lithographen, der im Zweifarbendruck eines Reiseprospektes die grüne Farbe einer Wiese auch der Rosenblüte einhauchte. "Grüne Rose" fungiert bei Derschau als Ausgabe- und Sammelstelle seiner Poesie; ihr gilt das Sprechen, und gleichermaßen ist an sie die Entstehung dieses Sprechens delegiert; die "Grüne Rose" wird angeredet, und sie formuliert selbst, sie ist Geliebte und Verbündete: "Grüne Rose / in meiner freien Hand / und wir beide / unter dieser Ansichtskarten- / Käseglocke in der es schneit. / Mit der anderen Hand / umfasse ich das Empire / State Building / wie ich es King / Kong abgeschaut habe / und wir amüsieren uns königlich / wie die Freiheitsstatue / röchelnd zusammenkracht." Bernd Scheffer