fortschrittlich oder rückständig Luthers Grundansatz verfehlen. Sie arbeitet präzis heraus, wie die landeskirchliche Etablierung des neuen Glaubens, die so leicht als Abfall vom eigentlichen reformatorischen Ansatz verdächtigt werden kann, zu begreifen ist. Und sie bemüht sich zum Beispiel, ein paar Jahrhunderte später, einem Mann wie dem Hofprediger Stöcker, christlich sozialer Volksmann, Antisemit und Intrigant, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und aas will bei allem, was gegen ihn spricht, schon etwas heißen.

Zwiespältiger ist der Eindruck, den eine andere Biographie hinterläßt, mit der ein ebenso umstrittener wie streitbarer Autor Luther von dem Denkmalsockel zu holen versucht, auf dem er seiner Überzeugung nach in einer falschen, von Vorurteilen und Legenden gestützten Positur steht: Hellmut Diwald: Luther. Eine Biographie"; Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach, 1982; 374 S, DM 39 80.

Dabei kann keine Frage sein, daß ihm das gelingt, sofern es darum geht, Luther und seine Epoche lebendig werden zu lassen. Diwald erzählt kräftig, einfühlsam, mit starken Konturen, und man wird ihm auch kaum ankreiden wollen, daß er sich nicht scheut, dramatische Stationen wie die Leipziger Disputation oder den Wormser Reichstag auch dramatisch zu kolorieren - dieses Leben, dieser "zumeist unendlich einsame Kampf in dem armen Stüblein des Wittenberger Klosters", und dieses wogende, überall angespannte Jahrhundert gewinnt bei ihm überzeugende Gestalt.

Das Bild Luthers freilich, das dabei entsteht, ist exzentrisch angelegt - exzentrisch im wörtlichen: Sinne: nämlich aus einer Perspektive, deren Distanz zum reformatorischen Ansatz unübersehbar ist. Dabei spielt weniger Diwalds - freilich spürbare - konfessionelle Fremdheit gegenüber dem Protestantismus eine Rolle, die Luthers FreiheitsVorstellung Züge der kirchen- und ordnung zerstörenden Selbstüberhöhung einerseits, des quälenden, "kaum zu ertragenden" individualistischen Geworfen Sein andererseits annehmen läßt. Vor allem aber ist Diwald entschlossen, in Luther einen Revolutionär zu sehen, und zwar - durchaus sympathetisch, freilich auch ziemlich pathetisch einen nationalen, konservativen Revolutionär. Das bricht Luther heraus aus seiner eigentümlichen geistlichen und historischen Lagerung, die zwar "revolutionär", also von Grund auf verändernd ist, aber nichts weniger als Revolution will. Bei Diwald dagegen wird die Reformation zu einem "Etikett", mit dem die Luthersche Revolution nur "verdeckt, diszipliniert und getarnt" worden sei, ist der Ruf nach der Reform der Kirche "nur Vorwand und Hebel" - und ein mit Enthusiasmus ausgemaltes Bild Huttens und der Ritterschaftsbewegung um Sickingen ergänzt dieses Gemälde gleichsam mit einem deutsch nationalen Seitenflügel.

Keine Biographie im eigentlichen Sinne, dafür aber eine vorzügliche Handreichung für jeden, der sich mit Luther beschäftigt, hat ein weiterer Kirchenhistoriker vorgelegt:

Bernhard Lohse; "Martin Luther. Eine Einführung ia sei Leben und sei Werk"; Verlag C. H. Bede, München 1982; 257 S , 36 -.

Eine solche Charakterisierung läuft freilich Gefahr zu verdecken, was Lohses Buch eigentlich bietet: eine beeindruckende Menge an Kenntnissen und Erkenntnissen, Exaktheit und Urteil, unprätentiöse Darstellung und, unaufdringlich im Hintergrund, ein überzeugendes, nirgendwo enges, kaum je überanstrengtes Bild von Mann und Epoche. Eine Einführung wirkt leicht trocken, und auch Lohse entgeht dem nicht ganz. Aber es zeichnet dieses Buch aus, daß dennoch der Eindruck von Fülle, Souveränität und Seriosität überwiegt.