noch immer eine Herausforderung ist

Von Hermann Rudolph

Den Namen kennt noch jeder. Aber die Gestalt selbst scheint weit entfernt entrückt von allem, was die Gegenwart berühren könnte – längst eine Beute der Wissenschaft, die ihn selbstgenügsam pflegt und konserviert. Würde denn ohne das suggestive Datum der fünfhundertsten Wiederkehr seines Geburtstags im nächsten Jahr irgend jemand Luther besondere Aufmerksamkeit zuwenden? Aber sieht man aufs Ganze unserer Geschichte, dann wird man gewahr, daß von niemandem solche Wirkungen ausgegangen sind wie von ihm.

Noch immer stellt die Reformation, die Luther ausgelöst hat, jenes Ereignis dar, das die deutsche Geschichte am tiefsten geprägt hat. Ohne sie, ohne diesen Aufbruch, ohne konfessionelle Spaltung, ohne ihre Weichenstellung für den Gang der staatlichen Entwicklung im Reich wäre diese Geschichte anders verlaufen; ohne ihren Einfluß auf ihre Innenwelten, ihr Denken, Fühlen und Sich-selbst-Verstehen, wären die Deutschen anders geworden als sie über Jahrhunderte hinweg waren und, in dessen Folge, noch sind. Und ist die Reformation nicht immer noch der wichtigste Beitrag der Deutschen zur europäischen Geschichte Jedenfalls ist nur sie mit dem vergleichbar, was die Briten mit dem Parlamentarismus und die Franzosen mit der Revolution von 1789 in sie eingebracht haben.

Aber Luther hat eben nicht nur Geschichte gemacht. An ihm und seinem Fortleben hat sich über die Jahrhunderte hinweg auch Geschichte vollzogen. Zu ihm gehört deshalb auch die ungeheure Spur, die seine Wirkung durch die deutsche Geschichte gezogen hat – weit jenseits dessen, was er als historische Erscheinung war, erst recht von dem, was er gewollt hat. An ihm, mehr noch: an seinem Abdruck im jeweiligen Geist der Zeiten haben sich immer wieder die Gemüter geschieden – oder aber in der Bekräftigung seines Andenkens überwältigt vereint. Er hat den Protestanten als Kirchenvater, der Aufklärung als Vorkämpfer der Geistesfreiheit, der nationalen Bewegung als Bezugsfigur gedient – bis hin zu jener fatalen patriotischen Übersteigerung, die eine Linie "von Luther bis Bismarck" zog. Es gibt jedenfalls kaum eine Epoche in unserer Geschichte, in der er nicht zugegen ist, überlebensgroß zumeist und in zeitgemäß Verkleidung, als Leitfigur, Herausforderung oder Gewährsmann. Darin ist er in der deutschen Geschichte ohne Beispiel.

Keine Epoche ohne Luther – bis auf die unsere? Das eben ist die Frage, und sie ist nicht ohne drängendes Gewicht. Das nächste Jahr, schon zum Luther-Jahr ernannt, wird sie mit Nachdruck aufwerfen. Wenn die Anzeichen nicht trügen, wird es mit seinen Ausstellungen und Veröffentlichungen, Tagungen und Sendungen das Preußen-Jahr noch übertreffen. Um so wichtiger wäre es, eine Vorstellung davon zu gewinnen, ob und in welcher Weise Luther noch Anteil an unserem Bild unserer Geschichte hat – und in welcher Gestalt er es überhaupt noch haben kann.

Natürlich, noch immer schaut er trutzig von allen möglichen Denkmälern, die Bibel in der Hand, den Kopf selbstbewußt erhoben. Noch immer gehört er zu jenem halben Dutzend historischer Figuren, denen jene Sprichwort- und Legenden-Bekanntheit anhängt, die auf keine tatsächliche Kenntnis von Leben und Werk angewiesen ist. Noch immer stecken wohl auch in den Ecken und Nischen des kollektiven Bewußtseins die Bilder und Szenen, in denen sich der generationenlange Umgang mit ihm niedergeschlagen hat: Luther, mit kräftigen Schlägen die Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg hämmernd; Luther vor dem Reichstag zu Worms, sein Hier-stehe-ich-ich-kann-nicht-anders ausbringend; Luther als Mittelpunkt eines Familienidylls, Laute, Frau Käthe und Butzenscheiben inbegriffen. Aber ein Lutherbild ergibt das alles nicht mehr. Es erinnert allenfalls daran, daß da einmal eins war.