Von Hermann Rudolph

Der Satz kommt ohne Tusch, ohne Trommelwirbel, aber er hängt noch immer fast unglaubhaft fremd im Raum, obwohl er nur besiegelt, was seit drei Tagen unverrückbare Tatsache ist. Bis dahin hat sich die Übergabe des Kanzleramts an den neuen Regierungschef ausgenommen wie irgendein beliebiges Bonner Spektakel: Blitzlicht-Gewitter, Hauptpersonen, die wissen, daß sie Hauptpersonen sind, alles strahlt, fernsehfromm und kameragemäß – und alle verbergen entschlossen, daß das, was hier geschieht, sie bis ins Innerste berührt. Es ist nur die Anrede-Floskel, mit der Helmut Schmidt die Versammelten begrüßt. Aber sie macht alle Tiefe des Wandels deutlich. Helmut Schmidt sagt, gewendet an den seitwärts hinter ihm stehenden Helmut Kohl: "Herr Bundeskanzler..."

Das ist er nun wirklich, unbestreitbar – allen Knüppeln zum Trotz, die ihm in den Weg geschleudert worden sind, gegen alle Unkenrufe und abqualifizierenden Charakteristiken, mit denen er bedacht worden ist, ungeachtet aller Niederlagen und Blessuren, die er davongetragen hat. Mit der ihm eigenen hemdsärmeligen Direktheit erklärt er es den Journalisten, die ihn am Abend seines ersten Arbeitstages mit ihren Fragen herauszufordern suchen, sozusagen zum Mitschreiben: "Ich bin der gewählte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, und ich gedenke das noch eine Weile zu bleiben."

Als das Ergebnis der Abstimmung bekanntgegeben wurde, an jenem Freitag vergangener Woche, der künftig zu den historischen Daten in der Geschichte unserer Republik zählen wird, hat Helmut Kohl freilich kaum eine Reaktion gezeigt. Unbewegt saß er in der zweiten Bankreihe des Bundestages, höchstens den Kopf noch etwas tiefer in den Hals gezogen: Als sei dies ein Ereignis, auf das er so lange gewartet habe, daß ihm sein Eintreten ein Gefühl der wirklichen Beglückung schließlich nicht mehr abgewinnen könne. Dann brach der Beifall los. Auch Kohls Gesicht entspannte sich in einem befreiten Lächeln. Aber seine Freude blieb ebenso wie die seiner Parteifreunde eigentümlich gedämpft.

So ist es geblieben. Der Machtwechsel vollzieht sich wie hinter einer Milchglasscheibe: ohne eruptive Bewegungen, ohne scharfe Kontur, gleichsam weichgezeichnet. Die so lange aufgestaute Erwartung hat sich kaum irgendwo in befreiendem Jubel entladen, und wo doch so etwas aufkam wie Überschwang, ist er rasch verebbt. Es ist eher ein Aufatmen, ein Gefühl der Genugtuung, das durch die Unionsquartiere geht, und auch das ist gebremst genug. Gar von einem neuen Aufbruch ist in Bonn nichts zu spüren. Selbst das Flugblatt, das die Union sogleich nach Kohls Wahl in Umlauf gesetzt hat, um die frohe Botschaft unters Volk zu bringen, registriert nur einen "neuen Anfang". Das ist ziemlich viel Zurückhaltung angesichts eines Ereignisses, das doch nichts Geringeres als eine Zeitenwende markieren sollte.

Aber soll das dieser Wechsel überhaupt noch sein? Helmut Kohl jedenfalls bemüht sich nach Kräften, dem neuen Anfang ein niedrigeres Profil zu geben. Da ist nichts mehr von den gewaltigen, auch gewaltsamen Fanfarenstößen, mit denen er einst die große Wende in der deutschen Politik angekündigt hat. Die schrillen Töne, mit denen er noch unlängst im hessischen Wahlkampf den Bonner Wechsel einstimmte, scheinen mit einem Male wie ausgelöscht. Vor der Fraktion und in den ersten Interviews, vor den künftigen Mitarbeitern im Kanzleramt und im Angesicht der Medien-Meute: Überall ist der neue Regierungschef dabei, den großen Anspruch, unter dem er angetreten ist, zu transponieren in die Pragmatik eines mühsamen Alltags.

Da wird kein Wort so gestreichelt wie das von der Kontinuität. Selbst Helmut Schmidt, mit dem Kohl nun wahrhaftig eine entschiedene Abneigung verbindet, wird "Respekt" und "Hochachtung" vor seinen "bedeutenden Leistungen" attestiert. In bezug auf die Ostpolitik, den alten Zankapfel zwischen sozial-liberaler Koalition und Union, bekennt Kohl, er habe viele Formulierungen seines Amtsvorgängers "völlig" unterschreiben können, "auch schon damals, nicht erst heute". Und bei seiner ersten Pressekonferenz überschüttet Kohl die Journalisten vor allem mit Daten über künftige internationale Begegnungen: Sie sollten dartun, daß die neue Regierung ohne Zögern die Last der außenpolitischen Aktivität ihrer Vorgängerin auf ihre Schultern nimmt.