Der "Heilmittelindex ’82" ist in diesem Jahr zum fünften Male erschienen. Er enthält auf 410 Textseiten eine nicht komplette Liste der hierzulande rezeptfrei gehandelten "Präparate zur Selbstmedikation". Diese Tees, Granulate, Säfte und Tabletten erfreuen sich bei alltäglichen Störungen des Wohlbefindens in der Seniorenmedizin, aber auch bei Anhängern der "chemiefreien" Pflanzentherapie seit einigen Jahren steigender Beliebtheit.

Den Apotheken garantieren die rezeptfreien Präparate rund ein Drittel ihres Umsatzes. Allein der Jahreskonsum an Kräutertees stieg seit den fünfziger Jahren von 50 auf 10 000 Tonnen, öffnet sich, wie erwartet, die Schere zwischen medizinisch Machbarem und ökonomisch nicht Vertretbarem weiter, wird auch der Trend zur Selbstmedikation anhalten.

Der "Index ’82" bietet dem Benutzer, vor allem dem nicht professionellen, eine nützliche Sammlung bekannter Hausmittel. "Melissengeist" und "Vaporub" sind darunter, Acetylsalicylsäure (der chemische Name für Aspirin) und auch ein Mischpräparat namens "Vitamin-C-Much", dessen belebende Komponente Phenylephrin bei uns sonst nicht mehr genutzt wird. Die bei unkomplizierten Muskelzerrungen oder Blutergüssen viel zu selten angewandte Arnikatinkturen werden genannt, ebenso das über der Valium-Faszination fast vergessene Johanniskraut (Hypericum perforatum L.) für leicht depressive Zustände. Neben Geräten zur Messung des Blutdrucks ist auch ein Teststreifensystem zur Fahndung nach Blutzucker verzeichnet.

Beim Überblättern freilich macht der interessierte Hausvater eine ärgerliche Entdeckung. Die erste: Der "Index", obgleich jährlich neu aufgelegt, nennt nicht einen einzigen Preis.

Die zweite: Wer glaubt, daß Präparate, die unter den Augen des Bundesgesundheitsamtes und nur in Apotheken abgegeben werden, ungefährlich sind, der erliegt in diesem Lande einem gefährlichen Irrtum, leider. Umrahmt vom Magentonikum und einer Mineralstoff-Fluid werden "Antineuralgie-Tabletten" offeriert. Sie enthalten den Nierenkiller Phenacetin, vor dem führende Kliniker seit zwanzig Jahren warnen – "gänzlich überflüssig und gefährlich". Phenacetin verursacht allzuoft eine cnronische Entzündung des Nierengewebes, die nach Auffassung von Experten Basis für krebsige Entartungen sein kann. Bösartige Tumore der Harnwege sind bei unsachgemäßen Anwendungen dreizehnmal häufiger als in vergleichbaren Kontrollgruppen.

Es wäre interessant, vom Bundesverband der Heilmittelindustrie, der den "Index ’82" mit herausgibt, und dem Hersteller, der Woelm-Pharma in Eschwege, zu erfahren, was sie zu der Annahme verleitet, "Antineuralgie-Tabletten" seien zur rezeptfreien Eigentherapie geeignet.

Die Selbstdarstellung der Heilmittelindustrie läßt auch in anderen Bereichen zu wünschen übrig. Beispiel Ginseng: Als 1629 die Gattin des spanischen Vizekönigs, eine Gräfin, in Peru an Malaria erkrankte, heute sie ein Extrakt aus zimtbrauner Baumrinde. Erst 1819 wurde die Wirksubstanz erkannt: Chinin. In der Zwischenzeit gab es ums polvo de la condesa, das Gräfinnenpulver, nette Legenden und vage Daten. Vom Flair des 17. Jahrhunderts kommen einige Vertreiber der Wurzeldroge nur allzu gern nicht los. Beim Stichwort Zusammensetzung heißt es unter anderem: "Radix Ginsengpulver" oder "echte koreanische Ginsengwurzel Eine diffuse Deklaration.