Von Rudolf Herlt

Im Lager der Union wurde das wirtschaftspolitische Konzept des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan viel bewundert. Zum Amtsantritt der neuen Bundesregierung ist darum eine Zwischenbilanz der "Reaganomics" vielleicht nützlich.

Ronald Reagans neuer wirtschaftspolitischer Ansatz hat anfangs auch in der Bundesrepublik viel Beifall gefunden. Niemand braucht sich dessen zu schämen. Sein Programm war simpel und überzeugend: weniger Staat, weniger Staatsdiener, weniger Papierkrieg; die Leistung der Wirtschaft sollte durch Investitionen vor allem der Privatwirtschaft erhöht werden; damit die Wirtschaft investiert, sollten die Steuern gesenkt und Anreize für Investitionen geschaffen werden; alle Staatsausgaben sollten gekürzt werden, nur solche nicht, die den Allerärmsten zugute kommen.

Das alles war damals zwar unorthodox und unerprobt, schien aber vernünftig zu sein. Es war gleichsam das Kontrastprogramm zu dem, was die sozial-liberale Koalition bei uns praktizierte, und darum geeignet, Begeisterung zu wecken. Der einzige Schönheitsfehler schien damals die ungewöhnliche Erhöhung der Verteidigungsausgaben zu sein.

Knapp zwei Jahre später ist die Faszination nicht nur bei uns verflogen. Auch in den Vereinigten Staaten macht sich zunehmend Enttäuschung breit. In der Tat: Das düstere Bild der amerikanischen Wirtschaft wird nur durch einen einzigen Tupfer etwas aufgehellt. Die Inflationsrate ist von 13,5 Prozent im Jahresdurchschnitt 1980 auf 5,5 Prozent im letzten Monat gesunken. Alles andere stimmt eher traurig. Fast elf Millionen Menschen sind ohne Arbeit, zehn Prozent aller Arbeitnehmer. Damit wurde die bisher höchste Arbeitslosenrate in der Nachkriegszeit vom Mai 1975 überschritten. In der verarbeitenden Industrie sind die Kapazitäten nur zu 71 Prozent ausgenutzt. Im Vorjahr ist die Wirtschaft zwar real noch um zwei Prozent gewachsen, für das erste Quartal 1982 wurde jedoch schon ein Rückgang um 3,7 Prozent gemeldet. Die Zinsen sind zwar etwas gefallen, aber noch immer ungewöhnlich hoch.

Ungeduldig, wie die Menschen heutzutage sind, messen sie Reagan an seinen Versprechungen. Reagan hat die Abkehr vom Konzept staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft gepredigt, die Preisgabe der Steuerung über die Nachfrage, die mit dem Namen Keynes untrennbar verbunden ist und in allen großen Industriestaaten gang und gäbe war. Er wollte den Wechsel zur angebotsorientierten Ökonomie.

Dahinter verbirgt sich tatsächlich ein "wirtschaftspolitischer Seitenwechsel", wie Alfred Herrhausen vom Vorstand der Deutschen Bank diesen Vorgang einmal treffend genannt hat, eine Kehrtwendung im Grundsatz. Um diesen Seitenwechsel verständlich zu machen, verwies Herrhausen auf die drei Hauptaufgaben jeder Wirtschaft: erstens die Bereitstellung des Produktionsapparates, zweitens die Ausnutzung dieses Apparats, also die Produktion, und drittens die Verteilung der Ergebnisse.