Für Zeitgenossen, denen das Dämmern der "Schönen neuen Welt" unaufhaltsam erscheint, brachte die letzte Woche eine weitere Bestätigung ihrer Befürchtungen: Englische Zeitungen meldeten Aussagen über "Batterie-Kinder, die zugunsten anderer kannibalisiert werden", und über wissenschaftliche Forschung, die "zum Wahnsinn wird". Der Ort, wo derlei Frevel seinen Ausgang nimmt, wurde nicht verschwiegen: Bourn Hall, die "Schreckenskammer des Dr. Edwards".

Boun Hall, eine private Klinik unweit der englischen Universitätsstadt Cambridge, galt bis dahin bei unfruchtbaren Frauen als letzter Hort der Hoffnung. Denn der Physiologe Robert Edwards und sein Partner, der Gynäkologe Patrick Steptoe, betreiben dort ihre Praxis für in vitro-("im Glas")-Befruchtung und Embryo-Transfer. Beide sind seit vier Jahren weltberühmt als "Väter" des ersten "Retortenbabys".

Der – relativ bescheidene – zahlenmäßige Erfolg der neuen Empfängnishilfe vermochte nie die Kritiker und Gegner des Verfahrens zum Schweigen zu bringen. So nimmt es nicht wunder, daß Edwards am Montag letzter Woche abermals ins Kreuzfeuer geriet: Er hatte bei einer Fachtagung seinen Kollegen erzählt, daß er insgesamt 17 menschliche Keimlinge, die nach der künstlichen Befruchtung nicht in die Gebärmutter seiner Patientinnen verpflanzt werden konnten, einige Tage weiter beobachtete.

Einige Zuhörer glaubten, statt "beobachten" das Wort "experimentieren" vernommen zu haben. Die British Medical Association (BMA) reagierte ohne Denkpause und warnte die Ärzte vor der Zusammenarbeit mit Edwards. Sofort machte das Horrorgemälde von den "Batterie-Kindern", das die britische Anti-Abtreibungsliga Life zeichnete, die Runde. Schon einen Tag später nahm die BMA freilich ihre Warnung zurück. Edwards war es offensichtlich gelungen, den Verdacht zu zerstreuen: "Es muß ethisch akzeptabel sein, die (einige Tage weiterwachsenden Embryos) mit Einverständnis des Patienten zu beobachten".

Edwards kann für sein Argument gute medizinische und wissenschaftliche Gründe anführen: Nicht immer können alle befruchteten Eizellen in den Mutterleib verpflanzt werden, und die Kenntnisse über die entscheidend wichtigen ersten Zellteilungen des Embryos sind sehr lückenhaft. Dennoch rief er selbst dazu auf, die ethischen Probleme zu klären.

Die Sache ist dabei allenfalls für Dogmatiker klar, die jeden Eingriff in die menschliche Fortpflanzung ablehnen. Die Mehrheit der Theologen und Philosophen, Mediziner und Biologen, Juristen und Politiker in den größeren westlichen Ländern streitet seit Jahren, wo denn eigentlich genau die Grenze forscherischer Neugierde und ärztlicher Hilfe liegt: Bei der Befruchtung? Oder beim Einnisten des noch mikroskopisch kleinen Embryos – äußerlich nur ein Zellklümpchen – in die Gebärmutterwand (hier erst gewährt die bundesdeutsche Gesetzgebung dem werdenden Leben Schutz)? Oder gar erst, wenn sich nach vierzig Tagen die ersten Gehirnzellen entwickeln?

Den Ärzten kann die Entscheidung nicht weiter allein überlassen – oder aufgebürdet – werden. Eine Art Volksabstimmung, wie es etwa in den Vereinigten Staaten Gruppen auf dem ganz linken und ganz rechten politischen Spektrum vorschwebt, erscheint allerdings wenig verlockend: Ohne die Garantie einer gewissen Sachkenntnis kann die Debatte nicht geführt werden. Also eine Art ethischer Parlamentarismus, etwa nach Muster des amerikanischen Ethics Advisory Board?