Von Marianne Eichholz

Jemand, der dringend feste Werte braucht, fühlt sich zuerst einmal verschaukelt. Was in den 25 Erzählungen, Kolportagen, Anekdoten, Kurzromanen und Halbweltgeschichten fußt auf verbürgter Historie, was kommt ohne sie aus und ist Erfindung? Diese Ungewißheit ist der eigentliche Motor in dem Buch von Dieter Hildebrandt, zur Zeit des Mauerbaus und danach Kulturkorrespondent der F. A. Z. in Berlin, Autor von "Deutschland, deine Berliner", aber vor allem von Werken über Honrath und Lessing (wo er ja die Quellen auf das genaueste zu befragen hatte), erhebt sich in seinem Buch wie durch Zauberspruch in die Luft. Wo kommt denn beispielsweise das Geld her, das Louis hat – in dem Kapitel "Das Trinkgeld": Ein Kellner wird Restaurantbesitzer, Likörfabrikant, Grundstücksfabrikant und verliert zum Schluß wieder alles. So neckt Hildebrandt seine Leute.

In "Kaiser, Krebs und Katastrophe" fällt ein Wissenschaftler und Modearzt bei seiner Klientel in Ungnade. Aus Rache demonstriert er ihr, an einer Puppe, den brutalen ärztlichen Eingriff in die Luftröhre, mit welcher der Kollege von Bergmann den todkranken kaiserlichen Patienten geschunden hat. Als die Baubehörde des Wissenschaftlers Haus in der Fasanenstraße abreißen lassen will, nimmt er sich das Leben.

Wie vieles in dem Band deutet dieses Stück Hintertreppendrama auf den doppelten Boden, auf Sein, Nichtsein und Schein, sozusagen auf den Genius Loci selber. Legte Gabriele Tergit vor einem halben Jahrhundert in dem Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" das Schwergewicht auf unsolide Finanzgeschäfte und wacklige Ökonomie im Hochkapitalismus, so kommt es Dieter Hildebrandt offenbar auf die bewegte, oft aberwitzige Handlung selber an. Er umplaudert biegsam, amüsant, spannend Ereignisse und Erfindungen, hat aber keine Neigung, Gesetzmäßigkeiten, Systeme, Theorien zu entdecken.

Im Lauf der Lektüre ist festzustellen: In vielen Geschichten, in den besten, läßt die scheinbar so leicht hergestellte Oberfläche auch Tiefenschärfe zu. Der Autor teilt seinen "Roman einer Straße" in sieben zeitliche Abschnitte zwischen 1872 und 1982 ein. Er läßt Kellner, Radfahrer, Bauern, Friseure, seine Weinhändler, Textil- und Finanzjuden, Hellseher, Lokalreporter, SA-Schläger und Zeitungsverleger überraschend in späteren Kapiteln wieder auferstehen; oft haben sie Beruf und gesellschaftliches Umfeld gewechselt; durch solche Epiphanien ist ein Kontinuum erreicht. In Teil II taucht der Kellner Louis wieder auf, sein Brotherr ist ein geheimnisvoll-faszinierender, aber von der eigenen Familie vernachlässigter Hausbesitzer und Künstler, der die junge Schwester seiner Ehefrau, Clara, in einer schnell eingeschobenen Porträtsitzung zeichnet. Die verwirft darauf den Entschluß, zu studieren (im Jahre 1900, immerhin). Die Folge sind zwei Schwangerschaften und eine Erbschaft, Skandale eingeschlossen. Die Episode, betitelt "Der Khan und kein Ende", erlaubt wohl auch Einblick in die Vorstellung, wo wahres Frauenglück immer noch zu suchen sei: im Bett, an der Seite eines betagten und betuchten Übervaters...

Die Geschichte geht übrigens weiter: 1919 wird Claras Sohn Felix umgebracht, weil er sich weigert, den Freicorps-Mördern von Luxemburg und Liebknecht Sekt zu servieren. In der Weimarer Zeit eröffnet Clara in dem ererbten Kurfürstendammhaus eine Pension und fährt fort, Gutes zu stiften. Unter Einsatz des Leibes auch: Erst versteckt sie einen verfolgten Juden, dann wird sie, in der gleichen Kammer, seine Geliebte.

Da ist man zufrieden, da ist (scheinbar) ausgleichende Gerechtigkeit. Denn moralische Haltung trifft sich glücklich mit der beträchtlichen, immer wieder entzückenden Fabulierlust Hildebrandts, und es geht meist befriedigend aus. Eine Neigung zu Harmonie schützt den Autor vor dem Aufspüren unbekannter, den Leser eventuell in Zweifel stürzender Schlimm- und Ungereimtheiten. Im Kapitel, das unseren Zeitgeist der achtziger Jahre charakterisiert, liefert Hildebrandt eine vorzügliche Beschreibung der bekannten Untergangsstimmung, durchtränkt von freundlicher, aber unerbittlicher Ironie. Eine Runde von Literaten, Journalisten und Journalistinnen, Photographen, die sich "Kult" nennt, zelebriert das trauervolle Ende der berühmten Straße. (Übrigens ist hier die einzige Frau anzutreffen, die während eines Zeitraums von 110 Jahren eine nennenswerte Begabung außerhalb der erotischen aufzuweisen hat...)