Ein engagierter Zeitgenosse zieht seine Bilanz des Generationenkonflikts

Von Gerhard Spörl

Die unbequeme Frage nach der Rolle der Gelehrten, der Literaten, der Intellektuellen in der Gesellschaft – sie wird in regelmäßigem Abstand aufgeworfen und ebenso bald wieder verworfen. Mit gutem Grund, denn sie läßt sich eben nicht mit allgemeiner Gültigkeit beantworten. Deshalb ist es wohltuend, daß es durchaus Zeitgenossen gibt, die all dies – Gelehrsamkeit, Belesenheit und literarische Begabung – in sich vereinen, ohne deshalb dem immerwährenden Problem zu verfallen, ob sie denn wohl zum Scheitern verdammt sind und ob sie dabei Weltschmerz oder Heiterkeit empfinden sollen.

Hermann Glaser gehört zu diesen Zeitgenossen. Er hat sich in widersprüchlichem bewährt: Als Nürnberger Kulturreferent muß er Verwalter sein; das hat ihn nicht daran gehindert, Profundes zur geistigen Standortbestimmung der Bundesrepublik beizutragen. Es ist nicht sein Beruf, gelehrt zu sein; sein stupender Bildungsreichtum hat jedoch akademischer Tiefe die Breite und vor allem die Sensibilität voraus. An Glaser läßt sich bestimmen, was den kritischen Zeitgenossen vom skrupellosen Intellektuellen unterscheidet. Er will leidenschaftlich verändern, verkennt aber nicht die Eigenmacht der Dinge; er will unbeirrt darüber aufklären, was auf dem Spiel steht, falls die liberalen Grundsätze kampflos preisgegeben werden.

Das ist eine vorteilhafte Gemütshaltung, um unvermeidliche Konflikte durchzustehen. Denn der kritische Zeitgenosse hat die ungemütlichste aller denkbaren Positionen inne: Er sitzt zwischen allen Stühlen. Bei Gelegenheit muß er deswegen von allen Seiten Prügel einstecken. Dann lassen sich auch, wie Hermann Glaser schmerzlich erfuhr, alte Rechnungen begleichen. Als es darum ging, die wahren Schuldigen der Nürnberger Massenverhaftung zu brandmarken, da warf sich Glasers Intimfeind Hans Sachs – Oberstaatsanwalt und Mitglied der nicht totzukriegenden Lembke-Fernsehrunde – zum Anwalt des gesunden Volksempfindens auf. Glaser war qua Beruf verantwortlich für das Jugendzentrum "Komm" und darin würden, so Sachs, arglose Schüler und Studenten zu Politchaoten indoktriniert.

Auf der anderen Seite machten Glaser diese perfiden Angriffe zum Idol der Inhaftierten – zu Unrecht, weil auch er dieser Jugend keineswegs kritiklos gegenüberstand. Diese Erfahrung hat Glaser in seinem neuen Buch verarbeitet:

Hermann Glaser: "Im Packeis des Unbehagens. Eine persönliche Bilanz des Generationskonflikts"; J. H. W. Dietz Nachf., Berlin und Bonn 1982; 214 S., 29,80 DM.