Von Rudolf Braunburg

Mein aufregendstes Erlebnis auf den Luftstraßen der Welt war keinesfalls eine Entführung, Notlandung oder Motorpanne, sondern der Blick auf die Spessartautobahn von Würzburg nach Frankfurt. Damals flogen wir, Häuschen, Bäumchen, Schafherde, mit der guten alten DC 3 über die deutschen Lande. Ohne Autopilot, handgestrickt sozusagen, und sehr niedrig. So konnten wir Tag für Tag die sensationellen Vorgänge auf der Erde verfolgen. Dort fraß sich eine gewaltige Schneise durch eines der größten zusammenhangenden Waldgebiete Deutschlands. Wir flogen nicht einfach von München oder Nürnberg nach Frankfurt, sondern wir wollten sehen, "wie weit sie inzwischen gekommen waren". Die Zielstrebigkeit, mit der die Fahrspuren vorangetrieben wurden, faszinierte uns. Damals war von Umweltschutz kaum die Rede. Heute wird in der Bundesrepublik jährlich eine Fläche von der Größe des Bodensees betoniert.

Mittlerweile wissen wir, daß nicht nur das Betonband der Autobahn für die Natur verloren ist, sondern daß sich daneben beiderseits ein mindestens zwanzig Kilometer breiter Streifen erstreckt, der starke Störungen der Vogelwelt bewirken kann: Flugstrecken zwischen Schlaf-, Brut- und Nahrungsplätzen werden unterbrochen. Die Folgen können Aufgabe der Brutvorhaben oder endgültige Abwanderung sein.

Und trotzdem kann eine Autobahnfahrt gerade für Vogelliebhaber Überraschungen bieten und die Sorge um aussterbende Arten vorübergehend verdrängen. Denn unsere Autobahnen sind zu einem Dorado für Greifvögel geworden. Von ihnen stehen viele auf der Roten Liste, zum Beispiel Baumfalke, Wespenbussard, Rohr- und Wiesenweihe, ganz zu schweigen von den seltenen Adlerarten. Trotzdem wird der Abschuß bestimmter Greifvogelarten immer wieder von den Jägerschaften gefordert. Diese, wie zum Beispiel Mäusebussard und Habicht, stehen zwar nicht auf der Roten Liste. Doch abgesehen von der grundsätzlichen Fragwürdigkeit solcher Forderungen: Die Vogelerkennungsfähigkeiten der Schießenden müßten die der Vogelschützer erheblich übersteigen, um zum Beispiel zwischen dem nicht geschützten Mäusebussard und dem vom Aussterben bedrohten Wespenbussard unterscheiden zu können. Erst vor wenigen Jahren wurde in einem norddeutschen Gebiet der einzige seit Jahren zum erstenmal aufkreuzende Fischadler von einem Schießwütigen als "Mäusebussard" zur Strecke gebracht.

Doch an den Autobahnen sind viele zu finden, die anderswo rar geworden sind. Baumbestände an den Rändern sind greifvogelfreundlich, da sie den ruhenden Vögeln guten Ausblick bieten. Daher ist die Spessartautobahn besonders geeignet und nicht typisch. Als Teststrecke haben wir aber einen Streckenabschnitt gewählt, der gute Durchschnittswerte bringt: Die sogenannte Wetteraulinie vom Seligenstädter Kreuz bei Aschaffenburg bis Wetzlar, wo sie inzwischen zur Sauerlandlinie geworden ist. Spätsommer. Abfahrtzeit 9.30 Uhr. Wir beobachten: Direkt am Anfang (Kilometerstand 0) einen Mäusebussard, sitzend; Auffahrt Karlstein (6 km): zwei Sperber, einer von einer Taube angegriffen; bei km 28: zwei Turmfalken auf einer Lichtung; 2 km weiter, bei Langenselbold: kreisender Mäusebussard; bei km 51, kurz vor Florstadt: zwei Mäusebussarde; bei km 54: rüttelnder Turmfalke; bei km 68: Schwarzmilan; bei km 78: zwei Mäusebussarde; 1 km weiter: Mäusebussard; hinter dem Gambacher Kreuz, bei km 83: Wiesenweihe; bei km 90: rüttelnder Mäusebussard.

Bilanz: Innerhalb von 50 Minuten elf Greifvögel, davon einige paarweise. Alle acht Kilometer einer. In Wirklichkeit ist der Bestand noch weitaus dichter. Wir haben bewußt nicht gezielt gesucht, unter Vernachlässigung der Verkehrssicherheit, sondern lediglich registriert, was unübersehbar ins Blickfeld geriet. Die Landschaft neben der Autobahn wechselt ab zwischen dichtem Wald, aufgelockertem Baumbestand, Wiesen, Getreide- und Maisfeldern. Größere ökologische Lücken ohne Tierbestand entstehen an den Maisfeldern, die sich wie die Pest über Mitteleuropa ausbreiten. Wo noch vor wenigen Jahren Kornfelder reiften, haben sie Kultursteppen geschaffen, in denen keinerlei Leben zu beobachten ist.

Weshalb üben Autobahnen eine so starke Anziehungskraft auf Greifvögel aus? Wer, wie Piloten oder sonstige Schichtarbeiter, zu ungewohnten Zeiten zwischen Wohnort und Arbeitsplatz unterwegs ist, kann frühmorgens in der ersten Dämmerung auf kleineren Bundesstraßen folgende Beobachtung machen: Tiere, insbesondere Bodenvögel wie Amseln, Buchfinken, Bachstelzen, haben vor dem Einsetzen des Hauptverkehrs eine geringere Fluchtgeschwindigkeit und Fluchtdistanz als während der normalen Tageszeit. Wer also frühmorgens bei uns oder in den verkehrsschwachen Gegenden seine Geschwindigkeit nicht stärker reduziert als sonst, läuft Gefahr, mehr Tiere als sonst zu gefährden. Der Autobahnverkehr kennt derartige Rhythmen und Anpassungsmöglichkeiten nicht und ist ohnehin viel zu schnell, um den Tieren eine Chance zu bieten.