Von Rolf Zundel

Bonn, im Oktober

Erstaunlich diese Fähigkeit Bonns, sich auf das einzurichten, was man in der Hauptstadt "Aktualität" zu nennen pflegt! Der Regierungswechsel, kaum vollzogen, scheint glatt konsumiert. Ein paar Genossen, die bei der Vereidigung von Innenminister Zimmermann den Plenarsaal verließen – aber sonst?

Bei der Union der militärisch-knappe Marschbefehl des neuen Fraktionsvorsitzenden Dregger: Arbeiten, Disziplin halten! In der FDP der etwas mühsame Versuch, wieder aufeinander zuzugehen, aber zugleich auch ein paar wetterleuchtende Vermutungen über den Novemberparteitag in Berlin: Muß, kann Genscher Parteivorsitzender bleiben? In der SPD hörbares Grummeln hinter den Kulissen: Legt Herbert Wehner sein Amt nieder? Hat Brandt zu freimütig über die Zukunftsvorstellung geplaudert, daß Hans-Jochen Vogel an Stelle von Helmut Schmidt stellvertretender Parteivorsitzender und künftiger Kanzlerkandidat sein könnte? Und überall die gleichen Fragen: Wer ist was geworden, wer wird noch was?

Die Debatte am Freitag vor dem Mißtrauensvotum: Richtig, sie gab es, erinnert sich ein CDU-Abgeordneter. Aber mehr beschäftigt ihn die Überlegung, daß der Kanzler Kohl in Bonn bald so normal sein werde, so selbstverständlich zum Bestand gehören werde wie die befrackten Saaldiener vor dem Plenum oder wie die geschlossenen Bahnschranken im Nieselregen.

Groß war diese Debatte vielleicht tatsächlich nicht. Von jener zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankenden Stimmung wie beim Mißtrauensvotum 1972 war nichts zu spüren. Die Abstimmung war kaum mehr als feierliche Routine. Daß am Ende mindestens vier Stimmen an der erreichbaren Zahl fehlten, und wer da wohl desertiert war, interessierte nur am Rande. "Es reicht", verkündete der CSU-Abgeordnete Johnny Klein vergnügt und durchaus im Einklang mit seinen Fraktionskollegen. Auch die große Auseinandersetzung um die Grundzüge der Politik, gar um geistige Führung, fand nicht statt; da hat Bonn, nicht oft zwar, schon Eindrucksvolleres erlebt.

Denkwürdige Auseinandersetzung