ARD, Montag, 11. Oktober, 21.15 Uhr: "Das katholische Spanien – Anmerkungen vor dem Papstbesuch" von Wolf Hanke

Er muß sich nicht immer nur in Höhlen von Löwen trauen – wie nach England, wo er die abgefallenen "Brüder" zwar in seine Arme schloß, aber nicht seine wahre Überzeugung äußern mochte, daß dieser Erzbischof von Canterbury für ihn in Wirklichkeit ja nicht einmal gültig ordinierter Priester war; oder nach Deutschland, wo man auf eine deutliche Geste in Richtung Ökumene vergeblich wartete, obwohl sie weit notwendiger und richtungweisender gewesen wäre als noch so glanzvolle Treffen mit dem Kirchenvolk oder den Intellektuellen.

Wenn Papst Johannes Paul II. am 31. Oktober für zehn Tage nach Spanien reist, fliegt er in ein Land, in dem die Bevölkerung zu 99 Prozent katholisch ist – von denen allerdings auch mir noch gerade ein Drittel sich als "praktizierend" bezeichnen; in ein Land, in dem bis zum Ende der Diktatur Francos der Katholizismus Staats religion war – wo die Demokratie jetzt allerdings auch die Ehescheidung legalisierte. Wie katholisch ist dieses Spanien wirklich?

Ginge es nach der Volksfrömmigkeit, wie sie sich – nicht nur auf dem Lande, sondern gleichermaßen in Städten wie Madrid oder Malaga, weniger wohl im frech-, aufsässigen Norden – bei den religiösen Festen zeigt, die ja zugleich immer auch Volksfeste sind: Karol Wojtyla müßte sich wie daheim in Polen fühlen. ARD-Korrespondent Wolf Hanke und sein Team zeigen so eindrucksvolle wie makabere Szenen: die Prozession in einem kleinen Dorf in Galicien, in der Menschen Särge mit sich führen – aber die Schreine sind leer, die vor dem Tod noch einmal Geretteten gehen als erste in der Menge mit; die kleinen Hausaltäre auf dem Armaturenbrett der Taxis; die gesungene Messe bei den Benediktinern und die Inbrunst derer, die ihr Frau-Sein immer noch unter dem schwarzen Spitzentuch verbergen.

Ginge es nach dem Enthusiasmus der "Basis", niemand brauchte um die Zukunft der Kirche in Spanien zu bangen. Die Aktivitäten der Gruppen um den Weihbischof Iñesta von Vallecas, dem Armen-Vorort von Madrid; der Dominikaner, denen die Oberen erlaubten, aus ihrem Kloster auszuziehen und mit oder unter den Armen zu leben; der deutschen Nonne, die seit zehn Jahren für die am Rande der Gesellschaft gerade noch Existierenden arbeitet und ein neues Engagement für ein neues Christentum vorlebt – auch in Spanien gibt es eine "Kirche von unten".

Ginge es nach dem Einfluß, den Kirche und Religion auch heute noch auf das öffentliche Leben ausüben – es muß ja nicht gleich der neuerliche Putschversuch der Militärs damit in Verbindung gebracht werden, aber so fremd ist sich das nicht. Die katholischen Propagandisten, die die Zeitung "Ya" herausgeben; das "Opus Dei", dem zahlreiche der einflußreichen Politiker nahestehen; die Bischofskonferenz – wie in Deutschland oder Frankreich ist manche beachtliche Strömung nicht an einer lebhaften Oberfläche zu erkennen, sondern vollzieht sich in sorgfältig verborgenen, aber um so sicherer und unabhängiger gebauten Kanälen.

Ob allerdings, umgekehrt, der Papst im Lande der Inquisition wie der Theresia von Avila, der Konquistadoren wie des Johannes vom Kreuz, die unter dem gleichen Vorzeichen so Unterschiedliches verfochten, seinen Einfluß geltend machen wird, um die Basken und Andalusier wieder mit den Kastiliern, die Autonomisten mit den Zentralisten zu versöhnen, ETA-Mitglieder wie Militärs zu mäßigen – das zu orakeln steht keinem Korrespondenten zu, allenfalls dem Geist, falls er gerade weht. Heinz Josef Herbort