Von Willy Brandt

Zunächst wiederhole ich die simple Feststellung, daß CDU und FDP in Hessen nicht die Mehrheit bekamen, daß also von einer Mehrheit rechts von der SPD keine Rede sein kann.

Daraus leite ich ab, sie können auch in Landtagen nicht mit fiktiven Mehrheiten operieren. wir können neue Gruppen, deren Kandidaten gewählt werden, nicht ausklammern, nicht in Quarantäne stellen.

Für die SPD gibt es im übrigen kein Sich-Abschotten. Das hat es bei uns nie gegeben. So wie wir von altersher bei Handwerksmeistern, bei Wissenschaftlern, bei Künstlern Unterstützung fanden, so sind wir Ansprechpartner für Teile des sozial-liberalen Bürgertums, und so begegnen wir in aller Offenheit den Kräften, die aus neuen sozialen Bewegungen kommen.

Wie kämen wir nun dazu, uns nicht auch um das zu kümmern, was aus der Friedensbewegung und aus Bürgerinitiativen kommt! Ob es einem schmeckt oder nicht, hier ist ein neuer, nicht bequemer, auch noch nicht klar zu erkennender, zu beschreibender Faktor unseres politischen Lebens sichtbar geworden. Meine Partei kann das nicht als etwas Schicksalhaftes betrachten. Aber wir werden uns um die Themen und um die Menschen kümmern und bereit sein, mit uns zu verbinden, was vernünftigerweise mit uns zusammengehört. Dabei steht die Identität der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands nicht zur Disposition.

Ich denke auch nicht daran, meinen kritischen Sinn an der Garderobe der Jugend abzugeben.

Meine Kriterien für Begegnungen, wo immer es sie geben mag, sind klar. Erstens: Die Absage an Gewalt steht bei uns und für uns am Anfang und Ende. Hier gibt es keinen Kompromiß: denn wer Gewalt sät, muß wissen, daß er Gewalt erntet.