Von Hans-Jochen Vogel

Was treibt denn den kritischen Teil der jungen Generation um? Wo liegen denn die Wurzeln ihres Protestes? Ich glaube, es ist die Sorge, der gegenwärtige Zustand unserer – und nicht nur unserer – Gesellschaft könnte sich rasch zum Schlechten verändern, ja sogar Katastrophen bisher unbekannten Ausmaßes seien nicht mehr auszuschließen. Und in der Tat hat sich das Gefahrenpotential zu Lebzeiten unserer Generation rasch vergrößert. Nicht die Gefahren als solche sind neu, auch nicht die Arten des Unheils, das sie im Falle ihres Eintritts bewirken. Neu ist das Ausmaß des Unheils, das gegebenenfalls über uns käme, und das in vollem Umfang zu erfassen unserer Vorstellungskraft Mühe bereitet.

Da ist die Zerstörungskraft der nuklearen Waffen. Da ist weiter das vervielfachte Gefährdungspotential, das sich aus dem Fortschreiten der Naturwissenschaften und der Technik, aus der wachsenden Intensität menschlicher Einwirkung auf die Natur und bislang ganz unbekannten kausalen Reichweite dieser Einwirkung in die Zukunft hinein ergibt. Wieder ist nicht die Gefahr als solche neu. Neu ist das Ausmaß der Folgen, die eintreten können, wenn sich die Gefahr realisiert. Das gilt für die Kernenergie. Das gilt ebenso für die Möglichkeit der Gen-Beeinflussung, um ein Beispiel zu nennen, das noch nicht ins allgemeine Bewußtsein gedrungen ist.

Sind wir alle zum Gespräch über diese Themen bereit? Und wie steht es mit weiteren kritischen Fragen aus der jungen Generation? Der Frage nach den Wucherungen, der Verabsolutierung des Wachstums? Oder dem Protest gegen Überreglementierung? Übrigens nicht nur durch Rechtsvorschriften, sondern auch durch die Vorprägung vieler Lebensäußerungen durch die Bedürfnisse der hochtechnisierten Produktion, durch die Konsumgewohnheiten oder durch die elektronischen Medien. "Life is Xerox, you are just a copy", lautet eine gesprühte Mauerinschrift in Berlin.

Sind wir da wirklich gewappnet? Noch einmal: Ich frage damit nicht, ob wir schon die richtigen Antworten haben. Und es würde das Gespräch mit den Jungen zusätzlich belasten, wenn wir auch hier so tun wollten, als ob wir bereits alles wüßten, als ob sich alles sofort zum Besseren wenden würde, wenn man die Partei oder Gruppe, der wir uns zurechnen, nur ungehindert machen ließe.

Ohne dieses Gespür, ohne die Bereitschaft, die drängenden Fragen ernst zu nehmen, wird das Gespräch bald stocken, jedenfalls unfruchtbar werden. Ohne die Bereitschaft, zuzuhören und sich auch selbst zu korrigieren, ebenso. Und es wird wohl erst gar nicht beginnen, wenn wir die, die so fragen und darauf ihre Antworten – zugegebenermaßen oft genug ärgerliche, ja provozierende Antworten – geben, sogleich wissen lassen, sie verließen den Boden des Grundgesetzes, sie kündigten den gesellschaftlichen Grundkonsens auf, sie seien Verfassungs- oder Gesellschaftsfeinde oder zumindest – willentlich oder nicht – Helfershelfer von Verfassungs- oder Gesellschaftsfeinden.

Aus einem Vortrag vor der Katholischen

Akademie in Berlin