Von Karl-Heinz Janßen

Nein, die Störche nisten nicht mehr auf dem Giebel der alten Universitätsbibliothek. Doch hoch über dem Südportal der "neuen" Universität (auch schon über siebzig Jahre alt und heute Kollegiengebäude I genannt) prangt immer noch der Spruch, der in der Ära des NS-Rektors Martin Heidegger eingelassen wurde: "Dem ewigen Deutschtum." Unten dösen Aristoteles und Homer wie eh und je in der Mittagsglut. Verschwunden ist der Parkplatz mit den zweihundert Fahrrädern, auf die sie vor 25 Jahren hinabblickten. Die Räder stehen jetzt woanders zuhauf, im Umfeld der neuen Kollegiengebäude – es sind seither ein paar hundert mehr geworden. Man braucht nicht lange, um die alte Vertrautheit zwischen Werderring und Martinstor wiederzufinden, trotz der Beton- Und Glasfassaden rundum. Die Kastanienallee steht noch, der Turm des Münsters entzückt das Auge, die Schwarzwaldberge verschwimmen im Sonnenglast oder stehen, wenn der Föhn einfällt, drohend nahe wie eine Gewitterwand.

Immer noch ist die Albert-Ludwigs-Universität (so genannt nach ihrem Stifter, einem österreichi- schen Erzherzog, und ihrem Erretter, einem badischen Großherzog) eine der beliebtesten in Deutschland. Freiburg im Breisgau lädt ein zum längeren Verweilen. Wer hier studiert, will neben der akademischen Freiheit noch andere Lebensfreuden genießen: die Kirschernte am Kaiserstuhl, die Skisaison am Feldberg, den "Federweißen" im Glottertal.

Im Zeitalter der Massenuniversität wird solche Beliebtheit leicht zum Fluch. Seit der 500-Jahr-Feier 1957 hat sich die Zahl der Studenten fast verdreifacht – im vorigen Winter überstieg sie die 20 000-Rekordmarke. Seinerzeit schon empfanden wir 7000 als die äußerste Grenze, und es schien darum an der Zeit, das Weite zu suchen. In den fünfziger Jahren bildete man sich noch ein, jeden Studenten wenigstens vom Angesicht zu kennen, obschon in den Geisteswissenschaften – wie heute noch – beängstigendes Gedränge herrschte. Untermieterzimmer und Wohnungen waren so knapp wie heute, und wer nicht rechtzeitig ins Semester einstieg, mußte in die Dörfer ausweichen. An Raum fehlte es auch an der Uni selber. In den Hörsälen mußte mancher mit einem Steh- oder Fußbodenplatz vorliebnehmen, und in einigen Seminaren warteten oft Hunderte darauf, daß, ein Stuhl frei wurde.

Durch die Bildungsreformen und die Bautätigkeit in den sechziger und siebziger Jahren sind viele Engpässe beseitigt worden, doch hat die Ausweitung der Kapazitäten nie mit dem Anwachsen der Studentenzahlen Schritt halten können. Rotstift und Numerus clausus regieren jetzt auch in Freiburg die Stunde. Läuft ein Fach über, so strömen die Studenten in abgelegene, noch freie Fächer. "Soviel Volkskundler und Archäologen, wie wir zur Zeit haben, können niemals untergebracht werden", klagt der Kanzler. Philosophie und Kunstgeschichte wurden in diesem Jahr ebenfalls von einer Studentenwelle überrollt. Es sind keineswegs immer die Neuimmatrikulierten, sondern oft Studierende, die mangels Berufsaussichten ein zweites Studium anfangen. Rektor Stoeckle verliert dennoch seine Gelassenheit nicht. "Wir haben jährlich einen Schwund von fast dreißig Prozent" – eine rätselhafte Entwicklung. Viele Studenten tauchen zwar in der Statistik auf, legen aber nie ein Examen ab oder haben längst einen anderen Job gefunden, ohne sich abzumelden.

Solche Probleme waren uns in jenen "Wirtschaftswunderzeiten" fremd. Die Wachstumsraten stiegen stetig, die Vollbeschäftigung schien garantiert. Etwas leisten, rasch zu Ende studieren, bald verdienen war die Losung. Auf uns Jüngere färbte noch etwas ab vom Geist der Kriegsgeneration, deren letzte Jahrgänge, unlängst der Gefangenschaft entronnen, gerade ihr Studium beendeten. Raumnot und Geldmangel wurden ohne Murren ertragen. An der Ordinarienuniversität gab es viel zu kritisieren, aber ihre Schwächen nahm man hin wie eine unheilbare Krankheit. Die Larmoyanz der heutigen Jugend war uns fremd, obschon es weder Honnef noch Bafög gab. Wer von Gebühren befreit sein wollte, mußte fleißig Scheine machen. Zu den "Werkstudenten" zählte sich fast jeder.

Verglichen mit den Entbehrungen und Unzulänglichkeiten jener Tage müßte es eine Lust sein, heute in Freiburg zu studieren. Von der neuen Mensa hörten wir nur, gesehen haben wir das Gelobte Land nicht mehr. Jedes Mittagessen, mehr schlecht als recht, war wie ein Alptraum: In einem Keller, der im Winter stets überheizt war, durchdrungen von Mief und Geschirrgeklapper, teilten gutmütige Schwestern in weißen Flügelhauben die Portionen aus, mit denen man oft minutenlang herumirren mußte, bis man einen Platz ergattern konnte.