Von Klaus Hoffer

Bei jedem Roman, den er geschrieben habe, stellt Marcel Proust einmal fest, habe er sich wieder ganz um- und aufgraben müssen. Literatur ist Grabarbeit. Ihre Affinität zur Arbeit der Archäologen und Detektive liegt auf der Hand. Schreiben heißt, das immer Unerledigte wieder aufgreifen. Man muß es genau wissen. Im Wiederholungszwang kehrt man zurück an den Ort der Tat, um zu suchen, was man vergessen hat. – Immer wieder nähert man sich von neuem der eigenen Geschichte, versucht man, sich mit ihrer Hilfe einen Reim zu machen auf die gegenwärtige Ratlosigkeit, andere Beweisstücke für den Prozeß zu finden, den man sein Leben lang mit dem Leben führt. Alles wird ausgegraben, untersucht, beschaut, und der Betrug, dem man im Zuge dieser Arbeit auf die Spur kommt, ist der Augenblick der Wahrheit in der Literatur.

In seinem Roman "Auf dem Turm", für den Gert Hofmann den Alfred-Döblin-Preis erhalten hat, findet sich dieser Augenblick der Wahrheit, um den es immer geht und um dessentwillen es sich einzig lohnt, zu schreiben und zu lesen, in den letzten beiden Sätzen. Sie lauten: "Eine Marotte, uns immer nur mit uns selber und mit unseren Beziehungen zueinander zu beschäftigen, rufe ich, glaube ich, noch und steige rasch in den Wagen. Plötzlich ein Vorgefühl der Wahrheit über die Verfassung der Welt, über Maria, Mario, über mich, den Kustoden, letzten Herbst, hinter Cefalú." Im Zweifel dieses: "glaube ich" und dem fluchtartigen Aufbruch mit dem Auto kündigt sich dieser Blitz der Erkenntnis an. Denn während der ganzen, ihn und seine Frau Maria von einem Entsetzen ins nächste jagenden Geschichte weigert er sich, sich mit sich selber und seinen Beziehungen zu den anderen ernsthaft auseinanderzusetzen.

Er hat aufgegeben. Das Leben, läßt man es an sich herankommen, bedeutet Leiden. Die Beziehungen, die man zu anderen eingeht, machen, daß man leidet. Aber er will nicht mehr, er möchte an der Oberfläche bleiben, er will sich auf nichts mehr einlassen. Neue Beziehungen knüpft er erst gar nicht an, die bestehenden will er abbrechen oder sich zumindest, so weit es geht, vom Leibe halten: Die Verantwortung für die halbwüchsige Tochter aus seiner Ehe mit Maria schiebt er zur Gänze der Frau zu; von seinem dreijährigen, außerehelichen Sohn, von dessen Existenz Maria erst zu Beginn dieser Geschichte erfährt, sagt er, für ihn sei er tot. Von seiner Frau will er sich trennen, und als sie ihm gesteht, daß sie schwanger sei, verlangt er sofort die Abtreibung.

Nach Dikaiarchaeia hat es den Erzähler und seine Frau verschlagen. Ein Schaden an der Kupplung des alten Wagens macht einen eintägigen Aufenthalt notwendig; die Heimfahrt aus dem Urlaub – dem letzten gemeinsamen, wenn es nach ihm geht – muß unterbrochen werden. Von der "autostrada" aus Palermo kommend und unterwegs nach Messina, wo vor über zweitausend Jahren der mögliche Namenspatron des Ortes, Dikearch von Messene, gelehrt hat, es gebe keine unsterbliche Seele, müssen die beiden hinter Cefalü landeinwärts abbiegen.

Dikaiarchaeia, wo sich ein "mecanico" findet, der den Schaden reparieren will, liegt inmitten der "zona morta Siziliens, im Land des Todes also. Den Namen der Ortschaft deutscht sich der Erzähler fälschlich mit "Stadt der Gerechten" ein – eine andere, vielleicht treffendere, aber für ihn gerade deshalb gefährliche Übersetzung böte sich an: "Stätte des Gerichts" oder "Strafgericht".

Das umliegende Land, dessen Zentrum der Ort bildet, die "zona morta" also, macht seinem Namen Ehre: Es ist ausgebrannt, unwegsam; ein widerwärtiger, süßlicher Aasgeruch liegt ständig über ihm, seine Zypressen sind von dunklen, krebsartigen Schwären bedeckt – den "Zeichen ihres beginnenden Todes". Von der ehemals reichen Fauna dieses Gebiets sind nur noch wenige Arten erhalten – Aasfresser vor allem: Ratte und Fuchs.