Hamburg

Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen", prangt über den eingemeißelten Viererreihen der Soldaten. Errichtet wurde das Kriegerdenkmal am Hamburger Dammtor 1936 durch die Nationalsozialisten, mitten in ihrem Rausch von Kriegsvorbereitungen und Kriegslust. Seit 1945 war es immer wieder Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen, ob es nicht als kriegsverherrlichendes Monument dem Erdboden gleichgemacht werden sollte, oder ob es als abschreckendes Mahnmal der faschistischen Propaganda erhalten bleiben muß. Symbolkraft besaß das Denkmal für Neonazis wie für Friedensdemonstranten. Sie erblickten einen verlängerten Hinweis auf den begrenzten Atomkrieg: "wir sterben, aber Deutschland überlebt." Immer auch war der Kalksteinguader Zielscheibe nächtlicher Farbangriffe; seit ein, zwei Jahren so häufig, daß die Stadt Hamburg ihrer Reinigungspflicht nicht mehr nachkommt.

Mit dem Anspruch, den Streit um den "anachronistischen Klotz" (so der 65jährige Erich Krohn vom GAL-Landesvorstand) endgültig zu beenden, schrieb der Hamburger Kultursenator Anfang dieses Jahres einen Ideenwettbewerb zur Umgestaltung des Denkmals aus. Die Vorschläge von 107 Künstlern wurden in diesen Tagen der Öffentlichkeit vorgestellt. "Ein Denkmalsturz kommt nicht in Betracht, man muß das Monument als Erinnerung für die Angehörigen respektierend hatte SPD-Kultursenator Wolfgang Tarnowski die Teilnahmebedingungen festgesetzt. Kein Abriß also, lediglich "ein anderer Kontext" sollte her, um die "Verherrlichung des Krieges zu relativieren". Die Jury wählte acht Arbeiten aus: Fünf davon wurden für je 3000 Mark angekauft, weitere drei – sehr unterschiedliche Vorschläge – sogar mit je 5000 Mark prämiert: Der Braunscnweiger Künstler Walter Rempp schlägt ein zweites Denkmal gleicher Größe vor, das – zerbrochen und geborsten – die Wucht des klobigen Nazi-Blocks relativieren soll. Ulrich Böhme und Wulf Schneider aus Stuttgart lassen eine stilisierte Kolonne gleichsam aus dem alten Denkmal hinaustreten. Die Figuren werden immer kleiner und versinken schließlich unter symbolischen Grabplatten. Der dritte prämierte Vorschlag stammt von Hansjörg Wagner. Der Münchner sieht dem Steinkoloß eine menschliche Figur gegenüber, in deren Gesicht Angst und Grauen den Aufschrei des einzelnen Menschen gegen die Kriegsmaschine symbolisieren sollen. Eine solche Einzelfigur könnte jedoch, so wird befürchtet, wegen ihrer geringen Größe schlicht übersehen werden. Trotzdem macht sich die CDU für diesen Vorschlag stark.

"Es ist der Jury nicht gelungen, sich auf ein Werk und kein anderes festzulegen", resümierte die Theologin Uta Ranke-Heinemann, eine der Juroren. Deshalb überlegt der Kultursenator, ob man nicht mehrere Arbeiten zu einer "optimalen Lösung" (Tarnowski) zusammensetzen sollte. Offensichtlich glauben die Behörden, durch die Kombination verschiedener Vorschläge deren Aussagekraft maximieren zu können – Reduktion kreativer Arbeit auf ihre Funktionalität.

Wenn offensichtlich niemand den Mut für Hammer und Meißel, Sprengstoff und Bagger hat, dann muß die heute obszön wirkende Aussage des Denkmals wenigstens grundsätzlich geändert werden. "Leid und Schrecken sind in der Kunst sehr wohl ausdrückbar und sollten auch hier ihren Ausdruck finden. Dann wird der Zweck der Umgestaltung auch jedermann verständlich", meint Frau Ranke-Heinemann optimistisch. Gelingt eine unzweideutige Charakteränderung der Anlage vor dem Dammtor-Bahnhof nicht, stehen die kompromißlosen Hamburger Pazifisten schon in der Nacht nach der Einweihung – geplant 1983 – wieder mit Farbbeuteln und Spritzpistolen vor Ort.

Bernd Müllender