Einer der bedeutendsten schwedischen Schriftsteller von heute legt ein im rationalistischen 18. Jahrhundert angesiedeltes, gleichwohl "zeitgenössisches" Lehrstück vor –

Sven Delblanc: "Speranza – Ein zeitgenössischer Roman", aus dem Schwedischen von Hans-Joachim Maass; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 1982; 190 S., 28,– DM.

Der Graf Malte Moritz von Putbus, im Gegensatz zu seinem Vater ein für die Ideen Rousseaus und der Französischen Revolution begeisterter junger Intellektueller, erleidet mit seinem Mohren und seinem Hauslehrer 1794 auf der Fahrt nach Westindien Schiffbruch; nachdem ein anderes Schiff die drei aufgenommen hat, muß er, durch den "Totengeruch" an Bord sensibilisiert, erkennen, daß er sich auf einem Sklavenschiff befindet. Das Schiff, das ironischerweise Speranza heißt, ist mit 600 Arbeitskräften für die große Rum-Brennerei der Jesuiten in Puerto Rico unterwegs. Mit seiner Besatzung an nasenlosen, verstümmelten, einäugigen Elendsgestalten präsentiert es sich als ein "schwimmendes Europa", das alle Nationen beliefert. Putbus erfährt, daß die Macht des Kapitäns und des Seelsorgers an Bord (der wie Dostojewskis Großinquisitor für Gehorsam, Brot und die Geborgenheit der Knechtschaft plädiert) "größer und stärker war als alles, was ich je in meinem Leben erlebt hatte". Delblanc zeigt die Persönlichkeitsveränderung, die an Bord der Speranza Schritt für Schritt mit dem jungen Idealisten vorgeht, der auch einmal ein Dichter werden wollte. Er schreibt ein Tagebuch für die Nachwelt. In ihm durchläuft er, der den Sklavenhandel verabscheut, alle Haltungen, die Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts, angesichts der Diktaturen, der Konzentrationslager und Gaskammern kennen. Er vermag dem übermächtigen Druck der totalen Isolierung auf die Dauer nicht standzuhalten: Die Einsamkeit zerbricht ihn. Schritt für Schritt gewinnt er an "Verständnis" für die Sklavenhalter und schlägt sich schließlich, da die Neger den Aufstand wagen – sie oder ich! – auf die Seite des Kapitäns, nicht ohne sich zu fragen: "Wer bin ich in diesem Augenblick? Und was ist es für eine unmenschliche Gestalt, die ich annehme. Hans-Joachim Maass hat das Buch ausgezeichnet übersetzt.

Anni Carlsson