Nein, die arme Mutter kann das nicht "mit ihm ausbaden wenn der Sohn Unsinn macht. Sie kann allenfalls dafür geradestehn vor dem strengen Vater. Ebensowenig kann der andere Vater seiner Frau folgen, wenn sie verlangt: "Wirf deine Augen drauf, wo er doch nur den teuren Wandschirm anschauen soll. Ist es denn wirklich unmöglich, auch ein Jugendbuch anständig zu übersetzen? Kann man den schlecht bezahlten Übersetzern nicht wenigstens ein kleines Lexikon schenken, in dem sie nachschlagen können, daß "soccer" Fußball heißt, "x-rated" nicht "x-klassig", sondern "nicht jugendfrei" und ein "diver" auf dem Sprungbrett nicht "tauchen", sondern Kopfsprung übt. Man könnte freilich auch das Manuskript einfach noch einmal von einem Lektor lesen lassen, bevor man es in Satz gibt. Das Buch und die Autorin hätten es verdient –

Mary Stolz: "... liebe euch alle, Junie", aus dem Amerikanischen von E. Malcolm; Arena Verlag, Würzburg; 198 S., 18,80 DM.

Mary Stolz, die nach dem deutschen Jugendbuchpreis 1959 ("Liebe hat Zeit") zu einer der einflußreichsten Mädchenbuch-Autorinnen wurde, ist ihrem Thema treu geblieben: der Suche nach dem Glück, Geborgenheit und Selbstverwirklichung in der amerikanischen Mittelklassefamilie. Für Mary Stolz gibt es auch nach einem halben Hundert Büchern keine Alternative zu dieser Familien-Bande. Ihr entstammen die Leser, die ja bedient werden wollen, denen aber auch ein Stück Entwicklungshilfe angeboten werden soll, ohne daß dabei gleich das Fundament der Gesellschaft erschüttert würde. Freilich ist die Institution Ehe in Mary Stolz’ Büchern mit der Zeit immer brüchiger geworden. In diesem wird sie sogar aufgelöst. Der Titel deutet es an. Ob auf Zeit oder immer bleibt offen. Mutter Junie geht weg, nachdem sie lange mit der Enge von Familie und Heim gerungen hat und keine Möglichkeit fand, ihren Freiheitsdrang zu Hause auszuleben. Sie ist wie ein fliegender Fisch nicht fürs Aquarium geeignet. ("Go and catch a flying fish" heißt das Buch im Original.)

Zurück bleiben ihr Mann, die drei Kinder und die Trümmer ihres Paradieses, das sie alle doch so sehr wollten. Vor allem aber die Kinder. Daß sie die Konservativen sind, weil ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Harmonie am größten ist, beschreibt das Buch sehr eindringlich. Gleichzeitig aber auch das schlimme Gefühl der Ohnmacht.

Gespiegelt wird das "Problem" in der Umgebung. Die Familie bewohnt ein Haus in den Everglades, jenem paradiesischen Sumpfgebiet im Süden Floridas, das durch "die Zementhand des Fortschritts" (Trockenlegung, Hotelbauten) immer mehr bedroht ist.

Und die Lösung? Mary Stolz ist keine Autorin, die schnelle Rezepte anbieten würde. Aus der Sicht der Kinder, der Leidtragenden also, beschreibt sie die Probleme der Erwachsenen . Ihnen gilt Junies Einsicht: "Elternschaft ist der gefährlichste aller Berufe Bessere Einstellung zu diesem Beruf ist ihre Forderung.

Bei den Kindern aber plädiert sie für Geduld mit den Alten. "Nicht die Kinder sollten beim Seelendoktor sitzen, sondern die Eltern, die sie soweit gebracht haben." Nur wenn beide Seiten die richtige Balance zwischen Festhalten und Loslassen finden, wird es die paradiesischen Augenblicke geben, die als Ideal unter dieser melancholischen Geschichte liegen. Rudolf Herfurtner