Wer den berühmten Fall des Hauptmanns von Köpenick nur nach Zuckmayers Bühnenstück oder dessen Verfilmungen kennt, der muß glauben, daß der Schuhmacher Wilhelm Voigt mit seinem Geniestreich zwar viel Aufsehen erregte und lachende Zustimmung erhielt, daß es ihm aber nicht gelang, aus jenem Teufelskreis auszubrechen, in dem er sich schon lange zuvor gefangen hatte. Als Vierzehnjähriger war Wilhelm Voigt von zu Hause ausgerissen, und weil er unterwegs ein paar Kleidungsstücke stahl, mußte er ins Gefängnis. Und damit war er auf der schiefen Bahn. Als Vorbestrafter wurde er beim zweitenmal, als er sich durch mehrere Überweisungsfälschungen 200 Taler ergaunert hatte, besonders hart bestraft, nämlich mit zwölf Jahren Zuchthaus. Und danach handelte er sich mit einem beutelosen Einbruch in eine Gerichtskasse (als Rückfälliger) fünfzehn Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust ein.

Als er die Strafe abgesessen hatte, war Wilhelm Voigt 57 Jahre alt; fast 28 Jahre hatte er hinter Gittern gesessen. In Wismar fand er durch Vermittlung der Gefängnisverwaltung in seinem erlernten Beruf als Schuhmacher Arbeit. Aber nach kurzer Zeit wies die Polizei ihn aus, nicht nur aus Wismar, sondern aus ganz Mecklenburg. Er sei, so wurde die Ausweisung begründet, "eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und die Moralität". Genauso erging es ihm in Graudenz, dann in Potsdam, dann in Berlin. Vergebens schrieb er an verschiedene Stadtverwaltungen, auch an seine Heimatstadt Memel, mit der Bitte um eine Aufenthaltsgenehmigung. Keine Stadt wollte ihn aufnehmen. Da kam Wilhelm Voigt – so sagte er später vor Gericht – auf die Idee, das "Ding mit dem Militär zu drehen".

Sein Streich, den er – anders als von Zuckmayer dargestellt – sorgfältig vorbeireitet hatte – ist bekannt; Wie er bei einem Trödler eine abgelegte Offiziersuniform kaufte, dann, am 16. Oktober 1906, als Hauptmann verkleidet (mit Abzeichen des 1. Garderegiments zu Fuß, weißen Handschuhen, Feldbinde, Zugstiefeln, Offiziersdegen) auf der Straße einen Wachtrupp vom Gardefüsilierregiment und einen zweiten Wachtrupp vom 4. Garderegiment unter sein Kommando brachte, mit der zehnköpfigen Mannschaft in der Eisenbahn von Berlin nach Köpenick fuhr, dort das Rathaus besetzte, den Bürgermeister und den Kassierer (von dem er sich den Inhalt der Stadtkasse gegen eine Quittung aushändigen ließ) für festgenommen erklärte und sie nach Berlin auf die Neue Wache transportieren ließ und selber mit der Beute von 4000 Mark und 37 Pfennigen verschwand.

Zehn Tage später wurde der "Hauptmann von Köpenick", auf dessen Ergreifung der Regierungspräsident von Potsdam 2000 Mark und der Köpenicker Magistrat 500 Mark Belohnung ausgesetzt hatten, aufgespürt und verhaftet. Er wurde wegen Freiheitsberaubung, Betrugs, Urkundenfälschung, unbefugter Ausübung eines öffentlichen Amts und unbefugten Tragens einer Uniform angeklagt, für schuldig befunden und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Es schien sich also in seinem Leben nichts geändert zu haben; was sollte anders werden, nachdem er auch diese Strafe verbüßt haben würde? So etwas wie Rehabilitation, ja nur den Versuch der Wiedereingliederung in die Gesellschaft gab es damals noch kaum. Aber dann begann für ihn doch ein ganz neues Leben.

Das Neue, grundsätzlich Andere hatte sich schon während des Prozesses gezeigt, Zum erstenmal stand der bis dahin immer nur gedemütigte Wilhelm Voigt im Mittelpunkt eines weitverbreiteten Interesses, In Zeitungen wurde über ihn geschrieben, und im Gefängnis gingen Geschenke für ihn ein, Lobbriefe, Geldspenden, Heiratsanträge. Und sogar Kaiser Wilhelm II. nahm Anteil. "Das ist Disziplin, das macht uns keiner nach", soll er anläßlich der Köpenickiade gesagt haben, über die alle Welt lachte. Und nach 20 Monaten bewilligte er ein Gnadengesuch, wodurch dem "Hauptmann" 28 Monate seiner Strafe erlassen wurden.

Als Wilhelm Voigt die Strafanstalt Tegel verließ, inzwischen 59 Jahre alt, hatte man ihn inzwischen nicht vergessen. Er wurde wie ein Held gefeiert. Und da lagen Möglichkeiten, die er zu nutzen verstand, Es begann damit, daß in Kiel (28 Jahre vor Zuckmayers Drama) eine Posse aufgeführt wurde, "Der Hauptmann von Köpenick". Voigt fuhr hin und sorgte durch seine Anwesenheit für großen Zulauf. Von da an reiste er einige Jahre lang durch Deutschland und stand dem Publikum über seine Heldentat von Köpenick Rede und Antwort, Dabei verkaufte er signierte Postkarten, die ihn in Hauptmannsuniform oder schwarzem Bratenrock zeigten. Fast alle deutschen Städte hat er bereist. Das Geschäft ging gut, auch in Luxemburg, in der Schweiz, in England, sogar in Amerika. Ein Erfolg war auch seine 153 Seiten starke Autobiographie "Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde". Bis 1912 hätte Wilhelm Voigt so viel verdient, daß er sich in Luxemburg ein Haus kaufen und sich dort zur Ruhe setzen konnte. Fast zehn Jahre lang lebte er von seinem Kapital, bis zu seinem Tode (am 4. Januar 1922) im Alter von nicht ganz 73 Jahren.