Unser Leben ist kein Traum, aber es soll und wird vielleicht einer werden." Dieser Satz von Novalis war Motto für George MacDonalds Märchenroman "Phantastes", 1858 in England erschienen, nun zum erstenmal ins Deutsche gebracht und von Friedrich Hechelmann mit vierundzwanzig traumschönen Farbtafeln begleitet.

MacDonald, einer der bedeutendsten phantastischen Erzähler des spätviktorianischen Englands, ist bei uns noch merkwürdig unbekannt. Neben "Lilith" (Hobbit Presse, Klett-Cotta) und "Hinter dem Nordwind" (Annette Betz Verlag) erschienen bei uns nur drei kleinere Märchen.

"Phantastes" (englischer Originaltitel: "Phantastes: a faerie romance for men and women") ist die Traumvision des jungen Lord Anodos, der für einundzwanzig Tage und Nächte ins Land der Feen findet, dort Schönheit, Schrecken und Zauber der Anderswelt erfährt, dem furchtbaren Eschengeist und der Jungfrau vom Erlenbaum begegnet, Verrat, Freundschaft, Tod und Glück erlebt

Die unendlich wähnende Reise des jungen Anodos schildert, wie viele Märchen und Mythen, den abenteuerlichen und schmerzhaften Prozeß einer Individuation. Anodos, der ausgezogen war, sein Ideal zu finden, kehrt zurück und hat seinen dämonischen Schattenbegleiter verloren. MacDonalds Feenmärchen, geprägt von religiösem Ernst und pädagogischem Eros, lebt aus der Kraft spätromantischer Bilder.

Friedrich Hechelmann hat die mythische Reise des Knaben in Bildern eingefangen, die MacDonalds Märchenlandschaften beseelen. Es sind virtuos gemalte Tafeln; sie zeigen monumentale Naturszenarien, in die das Menschenfigürchen eingetaucht ist; wie ein verirrter Nachtfalter mit wehenden Rockschößen flattert Anodos in der Traumkulisse umher.

Hechelmann, aus der Wiener Schule des Phantastischen Realismus kommend, beschwört alle Wunderkünste eines versierten Meisters. Seine Vortragsweise, der ein treues und gewissenhaftes Naturstudium vorangegangen ist, läßt Illusion, Redismus und Dingfetischismus hinter sich. Er ist kein Schönmaler mit den altmeisterlichen Finessen eines Ernst Fuchs, dessen erstarrter Spätstil zu einem etwas schwülen Manierismus verkommen ist.

Hechelmann weiß sich vor der Kälte des Perfektionisten und bravourösen Handwerkers zu hüten. Seine Affinität zur romantischen Dichtung, eine heftige Leidenschaft für die Landschafterei und offenbar etwas Feenblut in den Adern machen ihn zum kongenialen Illustrator dieses Märchens. Die zauberischen Gefilde, gespenstisch schöne Architektur im Licht unheimlicher Mondnächte, die zarten Feenblumenteppiche und Wolkengebirge, Sehnsucht, Traum, Raserei und Geisterpoesie scheinen diesem Meister des Phantastischen derartig vertraut, als träfe er sich nachts in Traumgärten mit den schneefarbigen Schönen und ihren Dichtern.