Würzburg

Der Staat hat keine treuen Hände. Allzu oft verschwinden bei ihm Akten und Unterlagen. Wer das Thema anschneidet, stößt allerorts auf Unbehagen, Klagen, ärgerliche Erinnerungen und Wut: Der Staat benimmt sich nämlich nicht besonders fein, wenn er Papiere der Bürger in der Versenkung verschwinden ließ. Ein Beispiel für rüdes Staatsverhalten könnte der neueste Fall von Aktenverschwinden in Würzburg werden.

Dort bangen 183 Medizinstudenten um die Früchte ihres unter Streß und Angst abgelegten Physikums. Eines von acht Paketen scheint auf dem Weg von der Universität Würzburg zu dem "Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen" verschwunden zu sein. Es gibt jedenfalls eine Quittung für das Wertpaket; die 183 Prüfungsbögen waren existent und sind verschwunden.

Was nun? Prüfung nicht bestanden? Die jungen Mediziner haben zum Teil Famulaturplätze oder vollen in die klinischen Semester. Das aber geht nur mit der Urkunde für die bestandene ärztliche Vorprüfung. Das bayrische Innenministerium hat bürokratisch reagiert und die Kandidaten unterrichtet, daß die Antwortbögen bis jetzt nicht aufgetaucht seien: "Sehr geehrter Herr Kandidat, ... für den Fall, daß sie unauffindbar bleiben, müssen Sie leider die Prüfung erneut ablegen. Diese Entscheidung ist uns zwar schwergefallen, erscheint aber aus rechtlicher und fachlicher Sicht als unumgänglich. Als vorläufiger Termin für die erneute Prüfung ist die erste Woche des Monats November vorgesehen."

Aus rechtlicher Sicht unumgänglich? Darüber läßt sich streiten. Zwar gibt es über das Verschwinden von Akten kaum Literatur oder gar Gerichtsurteile, aber es lassen sich doch nicht gar so ungünstige Grundsätze und ein neues Staatshaftungsrecht heranziehen. Unter dem Druck der Universität, der Bundespost und einiger Landtagsabgeordneten hat das Ministerium von Gerold Tandler etwas eingelenkt. Zwei Termine sollen nun zur Auswahl gestellt werden, und, falls die Bögen wieder auftauchen, soll die bessere Arbeit gewertet werden.

Vernünftiger und rechtlicher wäre es, die Studenten ohne weitere Prüfung in die klinischen Semester zu übernehmen. Sie haben dem Staat gegenüber das Ihrige für die Prüfung getan. Der Staat ist es, der, wo immer, die Unterlagen verschlampt hat. Nach dem neuen Staatshaftungsgesetz hat er die Folgen durch Herstellung eines gleichwertigen Zustandes zu beseitigen. Da ohnehin nur 20 bis 30 Prozent der Kandidaten in dieser Prüfung durchfallen und es sich nur um eine Zwischenprüfung handelt, erscheint es als zumutbar, daß die Universität die vielleicht 40 Studenten, denen das zugute käme, mitschleppt: Das Übel ist so kleiner, als wenn alle den Prüfungsstreß über sich ergehen lassen müßten. Ein Würzburger Gericht soll jetzt darüber entscheiden.

Es geht nicht, daß Staatsbürger, die sich den Ausbildungs- und Prüfungsmonopolen des Staates anvertrauen, für dessen allzu häufiges Versagen büßen müssen: Die Abschiebung der Last – die schlichte Wiederholung der Prüfung – schafft nicht den geringsten Ansporn, künftig auf die Papiere der Untertanen etwas besser aufzupassen. Das Verschwinden der Polizistenaussagen im nahen Nürnberg nach der Massenverhaftung hat gezeigt, daß die Staatsbürger allen Grund haben, den Staat zur Haftung seiner auch unabsichtlichen Säumnisse zu bringen und ihm kein bequemes Abwälzen zu erlauben. Hanno Kühnert