Hanna Johansens Erzählung "Die Analphabetin"

Von W. Martin Lüdke

Ein amerikanischer Physiker hat einmal die Schwierigkeiten beschrieben, die ein Mensch zu überwinden hat, der, beispielsweise, die Schwelle seines eigenen Hauses übertreten will. Was sich, bewußtlos getan, als völlig unproblematische Handlung darstellt, dieser eine, kleine Schritt durch die geöffnete Tür hindurch, erweist sich in Wahrheit als überaus komplizierte Unternehmung, so daß jeder Mensch, der ahnungslos tut, was er, wissend, kaum mehr könnte, glücklich zu schätzen ist.

Glücklicherweise tun wir das meiste so ahnungslos, vom morgendlichen Aufstehn angefangen bis in den späten Abend hinein. Anders ginge es gar nicht. Gelegentlich wird dieser "Lauf der Dinge" aber unterbrochen, wenn uns, beispielsweise, jemand auffordert, natürlicher zu gehen oder, sagen wir, bestimmte Handlungen, handlungsbegleitende Gesten zu unterlassen. Dann – geht erst mal gar nichts mehr. Dann wird uns womöglich doch etwas von dem bewußt, was sich hinter der Ahnungslosigkeit, der Routine unseres Alltags verbirgt: etwas von dem Schrecken, den wir routiniert überspielen – können und müssen. Kinder und Narren, die bekanntlich immer die Wahrheit sagen, sind davon vielleicht ausgenommen. Die Kinder müssen es erst noch lernen, und die Narren haben es bereits wieder verlernt: den eigenen Blick zu verstellen und die Welt nicht so wahrzunehmen, wie sie ist, sondern wie sie, durch die Brille der Konventionen gesehen, erscheint.

Ich will nicht sagen, daß es die Aufgabe der Literatur wäre, solche Konventionen zu zerstören. Ich will nur auf eine große literarische Tradition hinweisen, von Kleist bis zu Kafka, die den Wahnsinn der Normalität, den Zwang des Konventionellen, den Schrecken der Alltäglichkeit beschrieben hat, und das nicht in pompösen Haupt- und Staatsaktionen, sondern in kleinen, winzigen, unscheinbaren Gesten und Handlungen, die gewöhnlich unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle liegen. An diese Tradition versucht Hanna Johansen anzuknüpfen, bis in die Sprache hinein, die sprachlichen Mittel und Verfahrensweisen. "Nur Fremde sind so fremd." Eine seltsame Perspektive. Einfache, klare und dabei immer wieder überraschende, manchmal erschreckende Sätze, die einer zwingenden (wenngleich: fremd/befremdlichen) Logik gehorchen. "Du glaubst also an Mäuse, sagt Herr Sliwinski, Ich auch, fügte er dann hinzu. Aber die Mäuse glauben nicht an mich. Sie kennen meinen Schritt. Kaum hören sie mich kommen, verschwinden sie." pas ist gewissermaßen noch eine kindliche, naive Logik, die – noch – darauf aus ist, die Wahrnehmungen, die wir machen, mit den Möglichkeiten zu verbinden, die uns das Denken gibt.

"Auf einem schattigen Zweig sitzen fünf großgewordene Vogelkinder, stillschweigend, nur wenn ihre Mutter kommt, beginnen sie lauthals zu schreien. Die Luft summt von Bienen und Hummeln; Libellen und Käfer sind unterwegs, und die zahllosen wimmelnden Tiere zu unseren Füßen, nicht nur die Ameisen und Heuschrecken. Sie alle können sich sicher fühlen hier bei uns, falls sie etwas von uns wissen, wir beschützen sie, denn solange wir da sind, wird kein Vogel herabschießen, um sie zu verschlingen. Ungeschickt schlagen die Tiere auf ihrem Ast mit den Flügeln. Und vor ihnen die Mutter fliegt jeweils auf und setzt sich dann wieder, als wollte sie ihre Kinder ermuntern. Das Rauschen der kleinen Federn. Sonst bleibt die Luft still hier draußen."

Eine wahre Idylle, scheint es. Dabei geht es gar nicht so idyllisch zu, es bleibt fraglich, ob die wimmelnden Tiere sich "sicher fühlen" können, weil sie "beschützt" werden, sie sind bedroht – vom "Herabschießen", vom "Verschlingen". Und es liegt noch etws anderes in der Luft.