Hannover

Sechs Jahre lang stand das dreigeschossige Hinterhaus im hannoverschen Arbeiterviertel Linden leer. Die Sanierung war der Stadt zu teuer, irgendwann sollte es abgebrochen werden. Um einer Besetzung vorzubeugen, wurden Türen zugemauert, Fensterrahmen herausgebrochen, Leitungen gekappt. Unterm Dach bezog ein Taubenheer Quartier. Dann rückten "Penner" an. Sie brachten Werkzeug mit, legten den Keller trocken, besserten Innenwände aus und dichteten das Dach ab. Denn das soll ihr Haus werden.

Die Renovierung des 1904 fertiggestellten Gebäudes durch Nichtseßhafte ist Teil eines Versuchs, der zumindest in Norddeutschland – ähnliche Projekte laufen in Münster, München, Stuttgart und Berlin – ohne Beispiel ist. Begonnen wurde er von einer Arbeitsgruppe der Evangelischen Fachhochschule in Hannover unter der Leitung von Professor Herbert Kubis.

Vor einer Bierbude, einem stadtbekannten Treffpunkt für Nichtseßhafte, kam es vor gut zwei Jahren zu ersten Kontakten, die zur Gründung eines "Vereins für Habenichtse" führten, wie sein Vorsitzender Peter Ziegert formuliert. Ziel der "Selbsthilfe Wohnungsloser e. V." (SEWO): Ein Behördensystem zu durchbrechen, das "überwiegend verwaltet und verdrängt, nicht aber wieder eingliedert, heilt, rehabilitiert und schützt."

Die Zahl der SEWO-Mitglieder stieg im Laufe der Zeit von 23 auf mittlerweile 94 Personen. Etwa zwei Drittel sind Nichtseßhafte. Wie der 42jährige Peter, der früher, wie er versichert, nicht einmal gewußt hat, daß ihm Sozialhilfe zur steht: "Viele von uns haben geglaubt, sie bekommen kein Geld, weil sie nirgendwo gemeldet sind." Die SEWO-Mitglieder, die monatlich einen Betrag von fünf Mark bezahlen, helfen nicht nur im Umgang mit den Ämtern. Im August 1980 mieteten sie einen Laden, der Obdachlosen fortan als Tageswohnung und Beratungsstelle diente. Zwar mußten sie ihn bald wegen Reibereien mit dem Vermieter wieder räumen, richteten sich aber in einem anderen Stadtteil eine neue Kontaktstelle ein. Und mit Unterstützung der hannoverschen "Zentralen Beratungsstelle für Personen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten", einer Einrichtung des Diakonischen Werkes, konnte im September vergangenen Jahres eine zweite Tageswonnung eröffnet werden. Sie dient vor allem jenen Nichtseßhaften als Treffpunkt, die eine Entziehungskur hinter sich haben.

Bei der Suche nach einem Haus, "mit dem wir beweisen können", sagt Sozialarbeiter Ziegert, "daß Vorurteile gegen Nichtseßhafte unbegründet sind", stieß die SEWO im Frühjahr 1981 auf das Lindener Hinterhofgebäude. Eigentümer ist die Stadt Hannover. Um Bedenken der Stadtverwaltung gegen eine Zusammenarbeit mit dem jungen Verein auszuräumen, trat die SEWO dem Diakonischen Werk bei, das ebenfalls an zwei Wohnprojekten für Nichtseßhafte arbeitet. Finanziert wird die Renovierung der fünf Dreizimmerwohnungen vom Niedersächsischen Sozialministerium, das 72 000 Mark bereitstellte. Die Stadt Hannover und das Diakonische Werk beteiligten sich mit je 45 000 Mark an den Kosten.

In einer Werkstatt im Hof, die gleichfalls leerstand, ging ein kleiner Kreis von Nichtseßhaften gemeinsam mit einem Praktikanten an die Arbeit. Schritt für Schritt, so schwebt es der Selbsthilfeorganisation vor, sollen die drei Geschosse wieder bewohnbar gemacht werden. Und schon jetzt sieht sich Peter Ziegert in seiner Überzeugung bestätigt, "daß Kräfte frei werden, sobald etwas Sinnvolles getan werden kann".

Wer später in die Wohnungen einzieht – die Miete für drei Zimmer soll knapp 200 Mark betragen – steht noch nicht genau fest. Auf jeden Fall werde man die Mitbewohner vorher auswählen, versichert der 38 Jahre alte Kalle: "Wir wollen kein Haus, in dem es laufend Remmidemmi gibt." Betreut werden soll die Hausgemeinschaft auch weiterhin von Studenten oder Sozialarbeitern, die sich abwechselnd um die Probleme der seßhaft gewordenen Nichtseßhaften kümmern wollen. In der Werkstatt, so stellt sich Peter Ziegert vor, könnten die Bewohner später einmal Autos oder Elektrogeräte reparieren. "Und vielleicht schaffen wir es auch, im Keller eine Fischzucht einzurichten." Kalle träumt davon, den kleinen Innenhof mit Glas zu überdachen und viel Grün anzupflanzen. "Zwei, drei Palmen", schwärmt Kalle, "das wäre das Größte." Wolfgang Stoltz