Berlin

Ich besuche eine Tagung in West-Berlin. Es ist Sonnabend. Ich werde erst spät am Montag abend wieder zu Hause in Glasgow sein, wo ich Dienstag früh eine Sprachübung mit Erstsemestern abhalten soll. Deshalb will ich zwölf frische Bild-Zeitungen kaufen, um den Studenten als Diskussionsmaterial je ein Exemplar dieses berühmten deutschen Massenblattes in die Hand zu geben.

Am Vortag ist mir das "Kaufhaus des Westens" von einem stolzen Westberliner als Paradebeispiel eines Konsumparadieses vorgestellt worden. Und wahrhaftig: das Angebot ist atemberaubend; man kann alles kaufen. Jetzt gehe ich also wieder ins Ka De We, in die Zeitschriftenabteilung. Blätter aus aller Welt. An der Kasse ein Stapel Bild. "Ich möchte zwölfmal die Bild-Zeitung."– "Zwölf? Das geht aber nicht." – "Wieso? Es sind ja genug da, oder?" – "Aber, aber. Langsam. Zwölf Stück?" Das gibt’s doch nicht. Warum wollen Sie zwölf Stück?"

Ich fange an, mein Anliegen zu erklären. Dann denke ich allerdings: Warum bloß? In diesem Tempel des Wohlstandes gilt die Konsumhaltung als höchstes Prinzip. Nicht nur, daß man alles kaufen kann; man soll alles kaufen, verdammt noch mal. Oder wird jeder, der ein Video-Gerät, einen Rasemäher oder einen elektrischen Eierkocher verlangt, gefragt, warum? Ich sage also nichts.

"Ist ihr Photo drin, was? Was haben Sie denn angestellt?" "Nein, mein Photo ist nicht drin, ich will ganz einfach zwölf Bild-Zeitungen kaufen." Dem ratlosen Verkäufer sind zwei Kollegen hinzugekommen. Sie mustern mich ratlos. Meine etwas zerknitterte Jacke mit ihren halb-zerrissenen Taschen scheint als Sympathisanten-Indiz zu gelten; sie macht mich zumindest Hausbesetzer-verdächtig.

Ich kämpfe das ungute Gefühl nieder. Mein Gott, ich will doch lediglich ein Dutzend zum Kauf ausgestellte Objekte erwerben, sechs Mark ausgeben, Konsum betreiben. Warum sollte ich mich dabei bedrängt fühlen? Und doch denke ich bereits daran, aufzugeben, mit leeren Händen fortzugehen, oder noch schlimmer, meine Bestellung auf ein oder zwei Stück zu beschränken.

Eine kleine Menge hat sich versammelt. Verschiedene Fassungen meiner exzentrisch-extremistischen Wünsche kursieren. Dann aber gelingt einem Angestellten des Hauses, dessen Blick in den letzten Minuten auffallend zwischen meiner verkommenen Jacke und meinen billigen Wildlederschuhen gewechselt hat, der entscheidende Durchbruch: "Sie sind ja von drüben, nicht, und wollen Ihren Bekannten eine kleine Überraschung mitbringen, ja?"