Von Theo Sommer

Als Henry Kissinger, damals ein junger Dozent an der Harvard-Universität, vor einem Vierteljahrhundert sein erstes Buch veröffentlichte, ein umfängliches Werk über Atomwaffen und Strategie, merkte der Rezensent der Londoner Times spitzbübisch an: „Ich weiß nicht, ob Dr. Kissinger ein großer Schreiber ist, aber ich weiß, daß jeder, der dieses Buch zu Ende liest, ein großer Leser sein muß.“

Inzwischen hat der Mann, der von 1969 bis 1977 Amerikas Außenpolitik prägte, den zweiten Band seiner Memoiren vorgelegt:

Henry A. Kissinger: „Memoiren 1973-1974“; C. Bertelsmann, München 1982; 1503 S., DM 62,-.

Es ist noch immer ein „großer Leser“, wer Kissingers Erinnerungen ohne Überblättern zu Ende liest. Das hat schon der erste Band bewiesen, und es erweist sich aufs neue am zweiten Band. Kissinger holt weit aus, er wiederholt sich auch. Vollständigkeit ist offenkundig sein Ziel. Seine Ansicht der Dinge will er darlegen; es sollen keine Lücken bleiben. Das ist nicht ohne Reiz für den Fachmann, doch kann nicht ausbleiben, daß dem Laien zuweilen bloß ziehig vorkommt, was doch eigentlich erzieherisch wirken soll.

Wenn der erste Band die fünfzig Monate bis zum Friedensschluß in Vietnam auf 1521 Seiten beschrieb, braucht der Autor jetzt fast 1300 Seiten, um das Geschehen von achtzehn Monaten zu schildern – beginnend mit seiner ersten Reise nach Hanoi, endend mit dem Rücktritt Richard Nixons vom Amt des Präsidenten. Dazu hat ihn gewiß nicht Geschwätzigkeit verleitet, wohl aber ein Drang nach Breite, in dem das Detail auch auf Kosten der Spannung zu seinem Recht kommt. Ein dritter Band über die zweieinhalb Jahre der Ford-Präsidentschaft ist in Arbeit.

Hut ab: Seit Charles de Gaulle hat kein Staatsmann mehr so ausführlich, so wortgewaltig und zugleich so glanzvoll sein eigenes Plädoyer vor dem Richterstuhl der Geschichte gehalten. Denn daran ist kein Zweifel: Der Memoiren-Autor Kissinger ist ein großer Schreiber – ein Stilist von hohen Graden, ein kraftvoller Dramaturg auch, der im brodelnden Chaos der Ereignisse Strukturen und Tendenzen sichtbar zu machen versteht, obendrein – vor allem in den vielen eingestreuten Miniaturen der Akteure, denen er auf der Weltbühne begegnet ist, ein ungewöhnlich einfühlsamer Porträtist. Es heißt von ihm, er wäre lieber Bismarck als Goethe; das mag sein. Dabei war Bismarck einer der empfindsamsten und ausdruckstärksten Briefsteller deutscher Sprache. Jedenfalls gilt für beide: Man kann ihre Politik mißbilligen und muß dennoch ihre Prosa bewundern.