Von Joseph Huber

Bis zur Hamburger Wahl wollte man sie einfach nicht recht wahrhaben, und auf einmal – wie Hermann Schreiber formulierte – sind sie wer, ohne daß man weiß, wer sie sind: die Grünen. Gewiß hörte man die Wahlnachtigallen schon längst geradezu trampeln. Und doch, oder deshalb wohl erst recht, pflegten Medien sich ihnen gegenüber eher abträglich zu verhalten. Um so erfreulicher, daß nun begonnen wird, wirklichkeitsnähere Gleichgewichte zu setzen:

Jörg R. Mettke (Hrsg.): "Die Grünen – Regierungspartner von morgen?"; Spiegel-Verlag/Rowohlt Taschenbuch-Verlag, Reinbek/Hamburg 1982,272 S., 16,– DM.

In seiner Einleitung schildert der Herausgeber die gewachsene Bedeutung der grünen und bunten Parteien seit 1979. Weit über tausend Abgeordnete stellen sie inzwischen in Ländern und Gemeinden. Leider fällt die Darstellung immer noch etwas "selektiv" aus. So muß der Eindruck entstehen, die Grünen seien aus einer schwarz-braunen Zusammenrottung hervorgegangen, obgleich Milan Horacek im selben Band das Gegenteil belegt und Jörg K. Mettke selbst sie zwei Seiten zuvor noch als eine ausgewanderte SPD darstellt. Dennoch findet sich hier ein ansehnliches Gesteck von Daten und Gedanken zur durchaus zweischneidigen Politik der Grünen.

Dieses Gesteck erweitert sich in den folgenden Beiträgen zu einem beeindruckenden Strauß. In einem Interview äußert sich Petra Kelly aufschlußreich und kurz und bündig über grüne Programmpunkte – Atom-Stopp, Abrüstungswettlauf, Gleichstellung der Frauen und andere – und über ihre gedämpften Hoffnungen, den "alten Wachstums- und leistungsorientierten Männern" frischen Wind in die Parlamente zu bringen.

Aus einer nützlichen Zusammenstellung demoskopischer Ergebnisse von Werner Harenberg geht hervor, daß die Grünen eindeutig "links von der SPD" stehen. Dabei zeigen ihre Mitglieder und Wähler, überwiegend Mittelstandsangehörige mit längerer Schulbildung und meist aus Sozialberufen, post-materialistische Einstellungen. Neun von elf Abgeordneten der Grünen im niedersächsischen Landtag sind Lehrer.

Nach einem listigen Bericht von J. Mettke über Berührungen zwischen SPD und Alternativen in Berlin-Kreuzberg und einem lustigen Bericht über die Verlorenheit der Grünen im schwarzen Bayern von Heinz Höfl, kommen grün-bunte Abgeordnete selbst zu Wort – Ernst Hoplitschek aus Berlin, Wolf-Dieter Hasenclever aus Baden-Württemberg, Milan Horacek aus Frankfurt, Martin Mombaur aus Niedersachsen, Thea Bock aus Hamburg, Peter Willers aus Bremen. Jenseits gewisser ritueller Öko-Liturgien handelt es sich um sachliche Berichterstattungen. Der Leser gewinnt eine Fülle von Informationen über ihre parlamentarischen Erfahrungen, innerparteilichen Auseinandersetzungen und programmatischen Gärungsprozesse. Thea Bock zeigt dabei stellenweise geradezu literarische Qualitäten.