Von Helmut Schödel

Meine Buchhändlerin, Frau Huber, hat seit Jahren gleich rechts neben der Ladentür einen Tisch mit Neuerscheinungen aufgestellt. Das ist ihr kaltes Büfett für den eiligen Kunden und gleichzeitig ihr Börsenbericht. Der Tisch ist nicht groß, hat nicht für jeden Platz, aber immer für das Neueste von Peter Handke, Botho Strauß, auch für fremdsprachige Favoriten wie Doris Lessing, V. S. Naipaul oder Elias Canetti.

Auf Frau Hubers Tisch liegen viele hervorraende Werke der Weltliteratur. Daneben, und alle diese hervorragenden Werke weit überragend, steht Frau Hubers Kasse. Deutet man zum Beispiel auf Peter Roseis Roman "Die Milchstraße", hört man bald ein Klingeln über dem Tisch und über allen diesen illustren Namen und blendenden Titeln erscheint eine Zahl: "DM 34.00".

Manchmal verdreht Frau Huber die Augen, besonders im (Bücher-)Herbst, wenn schon wieder "mehrere Kisten Suhrkamp" auszupacken sind. Frau Huber ist eine Buchhändlerin, die sich mit ihren Kunden noch unterhält. Immer dann, wenn sie spürt, daß der Laden zum Supermarkt wird, geht es ihr schlecht. Irgendwie scheinen diese Haufen von Büchern ihrer Vorstellung vom Buch zu widersprechen.

Heute wissen nur noch wenige Leser, oft nur noch Sammler, was Bücher bedeuten: "Soviel indessen bekundet (der Sammler)", schrieb Adorno in seinen "Bibliographischen Grillen", "daß die Bücher etwas sagen, ohne daß man sie liest, und daß es zuweilen nicht das Unwichtigste ist." Die Bücher auf Frau Hubers Tisch sagen nur noch: Kauf mich! Um ihrer Karriere willen haben sie ihr Gesicht verloren. Dieses Schicksal teilen sie mit vielen Lesern, die schon lange nicht mehr aus Neigung, sondern aus Pflicht lesen (vielleicht, weil ihnen das schreckliche Wort Pflichtlektüre seit ihrer Schulzeit und den Studienjahren nicht mehr aus dem Kopf geht).

Früher repräsentierte das Buch eine Haltung zum Leben: Kontemplation. Heute erfüllt es bestenfalls noch seinen Zweck: Information. Die Bestseller haben das Verhältnis zu Büchern pervertiert. Sie repräsentieren keine Haltung zum Leben mehr, nur eine Haltung zum Markt: Konsum. Hinter der Sehnsucht nach Büchern, statt Bestsellern, verbirgt sich der Wunsch nach einem anderen als unserem modernen Alltag: der Wunsch nach einer betrachtenden Lebensweise.

In Roseis neuem Buch, "Die Milchstraße", spielen Bücher eine wichtige Rolle. Roseis Hauptfigur, ein Mann namens Ellis, hat eine tiefe Zuneigung zu ihnen. Schon im ersten Kapitel (von Rosei "erstes Buch" genannt) wird Ellis beim Lesen beobachtet. Er sitzt in einem Friedhof unter einer Eiche auf einer Bank und liest. Bei den schönen Sätzen lächelt er: "Nicht daß Ellis alle die Sätze nachgedacht hätte. Er gab ihnen recht, weil sie ihn überwältigten. Das Herz lernt nicht mit dem Kopf." Bücher sind für Ellis keine Hilfsmittel, sondern Hauptsachen.