Von Hans-Eckehard Bahr

Ich lebe nicht in den Elendsquartieren von Bogotá. Ich bin nicht arbeitslos. Ich komme nicht aus der Religion Mahatma Gandhis. Ich kann nur für die christliche Religion sprechen. Und ich komme aus der deutschen Tradition mit ihrem uralten Defizit an Friedens- und Widerstandskultur. Wie kann ich es wagen, mich dem gewaltigen Komplex "Religion von gestern in der Welt von heute" zu nähern?

Auf Seite 17 meiner Illustrierten ein Großphoto: Ein kleiner Demonstrationszug in der warschauer Innenstadt. An der Spitze Priester mit Kirchenfahnen. Die Menge singt ein Kirchenlied. Gestern vielleicht eine Vertröstung, denke ich, heute klarer Protest gegen Belagerungszustände.

Ich blättere in der Tagespresse, lese von wachsenden Spannungen zwischen Kirche und Militärregime in Brasilien. Die französischen Patres Aristide Camio und Francois Gouriou seien wegen "Anstiftung zur Revolte" verhaftet worden. Hätten sie zusehen sollen, als die Großgrundbesitzer die Hütten der Bauern, ihrer Gemeindeglieder, räumen ließen. Schon 1970, ich erinnere mich, teilte der im Exil lebende Politiker Marcio M. Alves mit, auf einen eingekerkerten Kommunisten kämen in Brasilien vier Christen. Im August 1982 erfährt Agence France Presse aus kirchennahen Kreisen, wenn die brasilianische Regierung könnte, würde sie rund zwei Drittel der katholischen Kirchenmitglieder ausweisen. Also das Volk abschaffen.

In der Tagesschau iranische Soldaten, fahnenschwingend, tief hinter der irakischen Grenze. Zehntausende von Freiwilligen, heißt es, seien schon zum Heiligen Krieg aufgebrochen ("Den Baathisten die Hände abhacken"), um das "gottlose" Regime von Bagdad zu strafen.

Eine Flimmerwand solcher Meldungen – vor wenigen Jahren noch unvorstellbar. "Religion" im Kontext revolutionärer Befreiungsbewegungen, in der Nachbarschaft von Realpolitik? Schon weit überholt scheint Martin Walsers Sentenz von 1974, "nach heutiger Einteilung" gehöre "Gott ins Gebiet der Belletristik und nicht ins Sachbuch".

Nationaler Sektenfanatismus, aber auch die Wiedergeburt eines privaten Mystizismus, hätte nicht jedermann dergleichen – fortschrittsbewußt – für undenkbar erklärt? Am eilfertigsten diejenigen, die sich professionell mit dem Phänomen befaßt hatten, wir Religionsforscher, Anthropologen, Sozialwissenschaftler und Theologen. Unter dem Diktat jener Theorie einer unaufhaltsamen Säkularisierung der modernen Welt waren wir – wie fast alle westlich Gebildeten – blind für die überraschend neuen Manifestationen alter Religiosität, die alles andere war, nur nicht im Aussterben begriffen.