Nicht oft mehr kommt es vor, daß eine Autorin vierundvierzig Jahre nach dem Entstehen eines Buches dessen gedruckte Fassung in Händen hält. Einen solchen späten Erfolg bringt das Buch –

Regine Vollmer: "Die Störche ziehn ins ferne Land"; Agora Verlag, Berlin, Darmstadt, 32 S., 25,– DM –

der Autorin, und zu Recht. In der Reihe "Das künstlerische Kinderbuch" sind bisher Neudrucke bereits längst erschienener Bücher herausgekommen. Mit dieser Erstveröffentlichung eines 1938 nicht zu verlegenden Manuskripts wird nicht nur der 1909 geborenen Autorin, sondern auch den Freunden des historischen Bilderbuches eine besondere Freude bereitet. Monika Schlösser-Fischer, die Herausgeberin der Reihe, hatte den Text des Buches umzuschreiben; nicht, weil er etwa vom nazistischen Zeitgeist affiziert war, sondern um ihn knapper, präziser, aktueller zu formulieren. Zum Ungeist der Rassenmenschen mußte dieses Buch vollständig querliegen. Erinnern wir uns: 1937 war das Jahr, in dem mit der Ausstellung "Entartete Kunst" alles das, was die Weltgeltung deutscher Gegenwartskunst begründet hatte, der Rancune des sogenannten gesunden Volksempfindens preisgegeben wurde. Im Jahr darauf, dem der Kristallnacht, in dem die "Entartete Kunst" unter großer Teilnahme der Massen und der Presse durch Deutschland eine Startbahn des Hasses und der Geistesverachtung zog, entwarf die junge Lehrerin Regine Vollmer ihr Kinderbuch, das ein Beitrag zu Verständigung, Toleranz und Liebe ist.

Sie wählte als Thema die jährlich wiederkehrende Reise der Störche, die den Sommer im Norden Europas und den Winter in Afrika verbringen. Der Fluglinie dieser schönen Zugvögel folgend, erleben wir ein Panorama fremder Länder und exotischer Landschaften. In all diesen Ländern leben Menschen: schwarzlockige, glutäugige, dunkelhäutige Menschen, die jeweils aus ihrem Leben, ihrer Arbeit heraus den Blick zum Himmel heben, wenn die Störche vorüberziehen.

Dies ist in einem Zeichen- und Aquarellstil gehalten, der in seiner Realistik weniger aus der Kinderbuch-Illustration kommen mag, vielmehr aus den klassischen Holzstichen und Zeichnungen der Fibeln. Regine Vollmer nimmt ihre Leser ernst, ohne den Zeigefinger zu erheben. Sie stellt Bilder voller Genauigkeit und Texte voller Hinweise auf die Gemeinsamkeit der Zukunft von Mensch, Tier und Welt vor.

Das Erscheinen dieses Buches wird heute durch zweierlei Aspekte aktualisiert. Nie zuvor war unsere Welt von einem derartigen blinden Rüstungswahnsinn auf allen Seiten bedroht. Nie zuvor stand das Überleben unzähliger Lebewesen, Pflanzen wie Tiere und Menschen, derartig in Gefahr wie heute. Wir haben uns die Erde wahrhaft untertan gemacht.

Es ist zu wünschen, daß dieses Buch über die Störche, jene aus Fernsehen und Zeitungen so beliebten Seismographen für fortschreitende oder aufgehaltene Umweltzerstörung, nicht nur von Kindern und Jugendlichen mit dem Blick nach vorn und draußen, sondern auch von deren Eltern mit Beschämung und Nachdenklichkeit gelesen und aus der Hand gelegt wird. Janos Frecot