Drei Dinge braucht das Kind: Knallkaugummi, Schokolade, Comics. Und Schorschi, altbekannter Held der neuen Geschichte von Florence Parry Heide, ist rundum ein ganz gewöhnliches Kind. Da umsonst an die unvermeidlichen Lebenselexiere nicht ranzukommen ist, wird der Durchschnittsknirps denn auch von einer ganz alltäglichen Sorge geplagt; der leidigen Sorge ums Geld.

Das Ungewöhnliche an Schorschi: Er hat Glück, sprich einen Baum im Garten, dessen Blätter sich sämtlich in Dollarscheine verwandeln –

Florence Party Heide (Text) und Edward Gorey (Ill): "Schorschis Schatz", aus dem Amerikanischen von Hans Wollschläger; Diogenes Verlag, Zürich; 64 S., 16,80 DM.

Schorschis unverhoffter Schatz, von dem er sogleich alle Welt in Kenntnis setzt, macht jedoch nirgendwo den ihm gebührenden Eindruck. Niemand reagiert so recht auf Schorschis Neuigkeit. Denn die Kommunikation zwischen Schorschi und den erwachsenen Neben-Akteuren der Geschichte erweist sich als problematisch. Genauer gesagt: Sie findet gar nicht erst statt. Die hinreißend komischen Dialoge sind Meisterwerke des Aneinandervorbeiredens. Berührungspunkte zwischen Schorschis Welt und der Welt seiner erwachsenen Eltern und Tanten gibt es offenbar nicht. Wobei man als Leser nur schwer entscheiden mag, welche dieser beiden Welten der jeweils anderen an Scheußlichkeit den Rang abläuft: Schorschis schokoladenklebrige und von stupender Comic-Brutalität verblödete Phantasie oder die gänzlich öde Phantasielosigkeit seiner erwachsenen Gegenspieler.

An Trockenheit und lakonischem Witz stehen die Illustrationen Edward Goreys dem typisch schwarzen Humor der angelsächsischen Autorin in nichts nach. Mit unveränderter Miene durchsteht der unbeirrbare Held seine unglaublichen Abenteuer. Die einzig wirkliche Wandlung widerfährt den Blättern jenes Baumes; und auch die haben sich am Ende der erfrischend un-moralischen Geschichte, so wie sich’s gehört, in ganz normale Ahornblätter rückverwandelt. So bleibt schließlich alles beim alten, und man fragt sich, warum und worüber man sich eigentlich so amüsiert. Daß man’s nicht recht weiß, scheint mir für das Können von Autorin und Zeichner der allerbeste Beweis zu sein.

Sylvia Brandis