Bücher, vor allem Erlebnisberichte über die NS-Zeit, sind ein Geschäft. Die Masse der Titel zwingt zur Vorsicht. Nicht jeder, der von Menschlichkeit und Unmenschlichkeit im Dritten Reich spricht, weiß, wovon er redet. Um so nachdrücklicher sei auf ein Buch hingewiesen, das man liest, als erfahre man zum erstenmal von dieser Zeit –

Brigitte Schwaiger/Eva Deutsch: "Die Galizianerin"; Zsolnay Verlag, Wien, 1982; 224 S., 24,– DM.

Nichts an diesem Buch ist neu, außer seine Entstehungsgeschichte. In Gesprächen über zwei Jahre hinweg hat sich Brigitte Schwaiger aus dem Leben einer polnischen Jüdin erzählen lassen. Eva Deutsch lebt heute als einsame ältere Frau in Wien. Im Mittelpunkt ihrer Erzählungen stehen die Jahre des Zweiten Weltkriegs. Was sie erzählt, die Geschichte ihrer Flucht mitten durch das besetzte Polen, auf der sie nach und nach ihre gesamte Familie, Eltern und sieben Geschwister, verliert, enthält – so tragisch sie ist und so dramatisch sie verläuft – wenig, was wir nicht oder ähnlich aus anderen Lebensläufen dieser Zeit kennen.

Brigitte Schwaigers Buch, Eva Deutschs Bericht enthält Grauenhaftes und Skurriles genug. Beides ist eingebunden in die unübertreffliche Form jüdischer Erzählkunst. Daß die sich so unverfälscht präsentiert, ist sicher das Verdienst von Brigitte Schwaiger. Noch einmal wird der herrliche Jargon der Ostjuden lebendig, jene Verbindung von Südostjiddisch mit dem heutigen Deutsch, durchsetzt von vielen Hebraismen und Slawismen. Eva Deutschs Generation wird die letzte sein, in der diese Sprache noch lebendig ist. Ihr ganzer Reichtum an Tief- und Scharfsinn, an Humor und Witz, an Bildhaftigkeit und Weisheit, an Drastik und Poesie werden noch einmal zum Leben erweckt. Ich kann mir denken, daß Brigitte Schwaigers Einfühlungsvermögen besonders dort gefordert wurde, wo es galt, das Charakteristische dieser jüdischen Erzählweise, die eine Mischung ist aus pointierender Treffsicherheit und weitschweifiger Fabulierkunst, herauszulösen aus den springflutartig hervorbrechenden Redeergüssen einer einsamen Frau. Doch, daß ihr dies überzeugend gelang – darin liegt nicht allein der Grund für die Wirkung dieser gemeinsamen Arbeit.

Das Buch ist ein Erinnerungsmonolog, ein Lebens-, ein Überlebens-Monolog. Aber es ist kein Monolog, der gesprochen/geschrieben wurde, um zu überleben. Sechs Jahre nur umfaßt die erinnerte Zeit. Sechs Jahre aus dem Leben einer polnischen Jüdin. Sie trennen dieses Leben in ein Vorher und Nachher.

Als Chawa Fränkel ist Eva Deutsch 1924 in Galizien geboren. Sie war 15, als der Krieg begann und "wann ich war 17, bin ich schon mies dran gewesen". Daß sie als einzige überlebt, verdankt Eva Deutsch ihrer ungewöhnlichen Geistesgegenwart, ihrer Unerschrockenheit, ihrer Phantasie und nicht zuletzt ihrer soliden Erziehung und Bildung. "Wissen Sie, in der polnischen Sprache in der Schule habe ich einen Einser gehabt. Manche Juden haben gehabt so a miserable Aussprache, sie haben gekonnt sein Akademiker sogar, und man hat am ersten Krach erkannt, daß sie sind Juden." So gelang ihr glaubhaft die Rolle eines katholischen Polenmädchens, das sich sogar bei hohen deutschen Militärs verdingte und später mit Rosenkranz und Gebetbuch im Korb mit falschen Papieren durch das doppelt besetzte Polen zog. Doch nicht nur zu leben, ohne oder mit gefälschten Papieren, war das oft kaum lösbare Problem, größer war die Angst, mit falschen Papieren zu sterben – als Christin zu sterben: "Da fangt es in mir an zu weinen. Gottes willen, ich soll nicht sterben unter falschem Namen, römisch-katholisch, warum bin ich nicht vergast worden mit alle zusammen als Jüdin ... Niemand hab ich dürfen mein Geheimnis anvertrauen. Und ich hab mich nicht gewehrt gegen den Tod, verstehen Sie, aber gegen meine angenommene Identität!"

Nur in bezug auf die äußeren biographischen Fakten kann man hier von Überleben sprechen. Irgendwo auf dem langen Weg durch diese Jahre ist der Mensch Chawa Fränkel auf der Strecke geblieben. Schwer zu sagen, wann. Als sie, die frei ist, mit falschen Papieren zwar, aber frei, hungernd, elend, allein, aber noch frei, am Drahtverhau vorbeigeht, hinter dem das Getto beginnt? "Und ein gewisser Scham hat mich getroffen, daß ich bin frei." Oder nachdem ihr der letzte Bruder genommen wurde und sie erschöpft auf ihrer Flucht innehält und die Verzweiflung sie – zum wievielten Male wieder – packt? "Hab’ ich den Blick gehoben. Gott, Allmächtiger, hilf. Und auf einmal, in diesem Himmel, ist vor meine Augen das Gesicht von meinem Großvater entstanden, sein Gesicht in die Wolken. Am Himmel hab ich das so gesehen."