Der Münchner Bürgermeister Gittel, zu dessen Obliegenheiten der Gegenstand gehört, hatte niemals einen Zweifel gelassen: "Wir wollen das Deutsche Theater haben, koste es, was es wolle." Wahrhaftig, es hat gekostet, was es wollte, und die Ohren wurden den Zeitungslesern und den Stadträten fast taub von den regelmäßig dröhnenden Kostenexplosionen, die die öffentliche Meinung viel heftiger als das schüttere Bauwerk selber ins Wanken gebracht hat. Am Ende hat das neubarocke bayrische Deutsche Theater aus dem Jahre 1896 nicht sieben Millionen Mark gekostet, wie man 1973 vermutet hatte, nicht elf Millionen, auch nicht siebzehneinhalb Millionen, sondern viel mehr. Auf einmal tippten die Experten auf zweiundzwanzig Millionen; aber das war beinahe ein Scherz, denn bald sprachen sie von siebenunddreißig Millionen. Im vergangenen August waren sie bei über vierzig Millionen Mark; zuletzt flunkerte der Bürgermeister, man müsse gewiß noch "mit einer kleinen Verschiebung nach oben" rechnen. So kostete das Theater im Hinterhof der Schwanthaler Straße mehr, als vor fünf Jahren noch für einen deswegen "nicht in Frage kommenden" gänzlichen Neubau veranschlagt worden war.

Nun hat es, leider, ein Ende mit dem "Theater ums Theater", dem "Theater-Coup", dem "Finanzskandal" und dem "Schauerdrama" um den Bau, welcher "so teuer wie Ludwigs Schlösser" zu werden drohte, es beinahe sogar geschafft hat, aber auf einmal Angst vor "einer gesichtslosen Absteige" hervorgerufen hat.

Eine überflüssige Bedrückung, denn daß dieses Theater, das erst hatte bloß renoviert werden sollen, dann aber, dank all der engagierten Experten, die den Bauherrn (und die Stadtpolitik) niemals mit der ganzen Wahrheit über den elenden Zustand des Gebäudes hatten beunruhigen sollen, vollständig erneuert werden mußte – daß dieses Theater kein Gesicht habe, ist ganz falsch. Es hat deren zwei: Das eine trägt es außen; der Architekt hat es mit großem Geschmack erneuert, dabei erhalten, so daß die Denkmalpflege zufrieden ist. Das andere Gesicht hat es im Innern; es hat mit dem äußeren nichts weiter zu schaffen, es sei denn, man übernähme beherzt die Vokabel neubarock und füge ein neues "neu" davor: irgendwie barock, auch irgendwie jugendstilartig und irgendwie – vor allem technisch – modern, und es hat eine Menge interessanter und auch seltsamer Züge.

Es ist, jedenfalls, ein wichtiges Werk im Leben des; Münchner Architekten Reinhard Riemerschmid, der in einigen Städten Kirchen von eigenwilliger Schönheit gebaut, die Münchner Kammerspiele sehr feinfühlig wieder in ihren eigentlichen, Richard Riemerschmid (seinem Großonkel) zu dankenden Zustand zurückverwandelt hat. Er ist nun hier mit allem Engagement, dessen er fähig war, an die schwierige Arbeit gegangen: Sein Deutsches Theater ist – in seiner neubarocken Hülle – für Revuen bestimmt; es stellt selber eine Bau-Revue dar.

Es hat einen kleinen Saal, den erhalten gebliebenen, wieder hergerichteten neobarocken Silbersaal, und einen sehr großen, in dem nur nicht unbedingt großes Theater stattfinden soll, aber fast alles andere: Varieté, (chinesischer) Zirkus, Konzerte, auch Zaubereien, Volkstheater, Shows und Revuen von möglichst internationalem Ruf und, wenn’s geht, direkt aus New York oder vom Olympia aus Paris. Und es soll das Haus der Bälle und des Faschings werden. Besonders diesen Geselligkeiten zuliebe kann man das Theater-Interieur gewissermaßen auseinandernehmen, die Wände an Schienen verschieben, Gestühl und Podeste in Container stopfen. Und so heißt neben Show und Fasching das dritte Hauptwort dieser komplizierten architektonischen Unternehmung: Akustik. Nahezu alle Dekors haben eine akustische, und alle akustischen Einrichtungen haben eine dekorative Bedeutung.

Was die Besucher erwartet, beginnt schon im Entree mit Kassenhalle und Bar als, sagt der Architekt, die "Einleitung einer Symphonie"; sie setzt sich über die Treppenhäuser fort und entlädt sich dann mit enormem ästhetischen Donner im großen-Saal, der ein wohlproportionierter, sein Publikum umfassender Raum geworden ist.

Der erste Eindruck, wenn man noch nicht alle Details fest im Auge hat, ist fröhlich: durch das derbe Relief der sehr schön, sehr einfallsreich gebrochenen, an Kalkgesteinsformationen erinnernden Seitenwände und die Stoßwellen der unter dem Lampensternenhimmel fast unsichtbaren: Decke mit den knalligen Beleuchterbügeln, durch die vielen, zweifellos originellen. Farben. Nein, ein Angsthase ist Reinhard Riemerschmid nicht; alles, was man sieht, hat er so und nicht anders gewollt- und gezeichnet und von begeisterten Handwerkern anfertigen lassen.